Höhle an der Ostküste von Rathlin Island, der größten Insel Nordirlands, aufgenommen am 17. September 2011

Nordirische Naturen

Universum Magazin, März 2011

Nordirische Naturen

Die Grüne Insel hat im letzten Jahrzehnt auf beiden Seiten der Grenze enorm vom Frieden profitiert. Mit der Finanzkrise steht Irland vor einer neuen Herausforderung. Eine Lösung wäre naturnaher Tourismus.

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Nach 25 Minuten ist eigentlich alles klar. Brian kennt sich aus. Er weiß, dass ich auf Reisen bin, um den Norden Irlands zu erkunden, und zwar vor allem die Natur dieses Landstrichs. Allein wegen des Himmels lohnt es sich, die Küste vom schmucken Ballycastle im Osten des königlich-britischen Nordirland bis zu den enormen Klippen bei Slieve League im Westen der Republik Irland abzufahren. Brian versteht das. Der Kanu-Athlet stammt aus County Tyrone und zieht jetzt gerade auf die Insel Rathlin, der Liebe wegen.

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45 Minuten braucht der schwächiche Kutter namens „Canna“ für die sechs Meilen von Ballycastle hinüber zur größten Insel Nordirlands. Im Wind gaukelnd überprüfen ein paar Dreizehenmöwen routiniert, ob der Kutter etwas Fressbares abwirft. Ich belohne den Einsatz mit den Resten der Familienportion Fish ’n’ Chips, die ich im Hafencafé ausgefasst habe. Der Himmel schimmert in verwegenen Pastelltönen zwischen Blau und Rosa. Der Seegang sorgt für genügend Gischt, um im Sonnenuntergang handliche Regenbogenschleier herbei zu zaubern.

Nach 15 Minuten hat es Brian nicht mehr ausgehalten, da musste er fragen, was ich da auf der Insel suche, verlassen doch die allermeisten Touristen die Insel am Abend. Als Gegenleistung für meine Auskünfte weiß ich nun, dass auf Rathlin zumindest zeitweise hunderttausend Meeresvögel und eigentlich immer rund 100 Menschen leben. Und die vertragen sich, wie Brian ungefragt versichert, haben sich schon immer vertragen, auch als es in Belfast und anderswo in Nordirland noch so heftig herging. Drei Jahrzehnte lang machten sich Menschen gleichen Aussehens, oft gleicher Armut, mit den gleichen Liedern und der gleichen Sprache aber unterschiedlicher Konfession das Leben schwer. Seit dem Karfreitagsabkommen von 1998 geben die meisten von ihnen einen Frieden. Daran denkt unweigerlich, wer aus Mitteleuropa kommt. Nimmt jedenfalls Brian an. Nimmt praktisch jeder an. Und deswegen erzählt auch Margaret McQuilkin gleich, dass es zwar zwei Kirchen auf Rathlin gebe, aber „no problems. Never have been.“ Ungefragt drängt sich das Zeitgeschehen in die Reise.

Margaret holt mich mit ihrem Pickup-Truck im Hafen ab und bringt mich auf ihre Farm namens Coolnagrock. Die liegt in einem seichten Sattel zwischen vermeintlich kuscheligen Kissen aus Stechginster. Vom Wohnzimmer aus geht der Blick auf die Hafenbucht, vom Küchenfenster mit dem Vogelhaus auf die offene See. Solche Aussichten werden anderswo auf Krankenschein ver- schrieben, als Rezept gegen Wichtigtuerei. Die größte Gefahr auf der Insel, so Margaret, seien die Kuhfladen auf den zwei Meilen zum Pub. Deswegen stattet sie mich mit einer Taschenlampe aus, damit ich den dicken, praktisch schneeweißen Spannteppich im Vorzimmer nicht beflecke, wenn ich mir die Stiefel ausziehe.

Das Maul des Riesen

Im Pub dauert es zwei Schluck Guinness, bis ich als der Besucher erkannt bin, der heute auf der Insel übernachtet. Brian war vorhin da. Alles klar. Das kostbarste Treibgut auf Inseln sind Neuigkeiten. Deswegen verschonen mich die Stammgäste (ein praktisch unausweichliches Schicksal auf einer Insel mit nur einem Pub) mit folkloristischen Erläuterungen und befragen stattdessen mich – und zwar nach dem Wetter in Belfast, in Dublin. Und in Wien. Und dann lassen sie mich wieder trinken. Ein tatsächlich sehr rothaariges Paar hat nur Blicke füreinander beziehungsweise die Talente-Show auf dem Bildschirm und versäumt deswegen fast die Einlage eines feisten Kerls mit unvollkommenen Gebiss, der irgendwann einmal mit seinem besten Freund – wie wir annehmen wollen – über den Linoleumboden kugelt, bis ihnen der Wirt die helfende Hand über die Theke reicht. Zeit zu gehen. Und zwar vorsichtig, wegen der Kuhfladen und Margarets Spannteppich.

Um sechs Uhr früh präsentiert sich der Himmel über Rathlin als verwegenes Experiment in Technicolor. Hinterm Haus führt der Weg hinab zur Ostküste von Rathlin.  In den Stechginsterkissen mit ihren grässlichen Dornen hausen und lärmen Zeisige, Zippammern, Zaunkönige und Rotkehlchen. Über einen steilen Pfad gelange ich auf den Basalt-Strand. In der Nachbarbucht wärmt sich ein Schwarm Großer Brachvögel auf. Der schwarze Stein von glitschig-braunen Kelp bedeckt reicht bis zu den grünen Matten. Eine Bucht und eine Perspektive weiter steigt die Küste senkrecht an und eine Höhle mit einem fast symmetrischen Eingang  von gut 15 Metern Höhe öffnet sich wie das Maul eines Riesen. Drinnen zeugen eine Feuerstelle, ausrangierte Autositze und Liebesschwüre auf Kieselsteinen von der Attraktivität des Riesen für rothaarige Paare. Der Riese blickt auf die gegenüber liegende Küste Schottlands. Im morgendlichen Gegenlicht zeichnen sich die Konturen des Mull (zu Deutsch: Kap) of Kintyre ab. Der Vorteil von Individualreisen ist, dass niemand an dieser Stelle versucht, das entsprechende Lied anzustimmen.

Sean McFaul schon gar nicht. Sean singt nicht gern. Er redet eigentlich auch nicht so gern. Außer über Rathlin und die Vögel. Sean ist der örtliche Aufseher des RSPB, der Royal Society for the Protection of Birds. Unser Ziel ist das RSPB Seabird Centre an der Westküste, fünf Meilen vom Hafen entfernt, vorbei an sumpfigen Blumenwiesen, Trockensteinmauern, ein paar Gehöften und noch mehr Ruinen jener Höfe, die Hunderte Insulaner wegen der Hungersnot in den 1840er Jahren verließen. Was dieser Aussichtspunkt zu bieten hat, höre ich eine halbe Meile und rieche ich eine viertel Meile, bevor ich etwas zu sehen bekomme:  Tausende Meeresvögel haben sich auf allerengstem Raum auf den rund 50 Meter hohen Klippen zusammengedrängt.

Der Felsen vibriert

Ende des Sommers herrscht Hochsaison. Papageientaucher, Tordalke und Trottellummen (kein schöner Name, vor allem verglichen mit dem ungleich schnittigeren guillemot auf Englisch, aber was soll man machen) belegen mit ihren Nestern wirklich jeden möglichen und ein paar unmögliche Flecken und Felsvorsprünge. Im Mai haben die Vögel nach den Wintermonaten auf offener See die Klippen angesteuert, die sie typischerweise mit anderen Arten teilen. Ist die Brut erst einmal geschlüpft, bejagen die Eltern die Meeresströmungen von Nordatlantik und Irischer See, die vor Rathlin aufeinander treffen. Der schwarze Fels scheint zu vibrieren, so eng nisten die Tiere nebeneinander. Permanent fliegen die Vögel von ihren Streifzügen kommend heran, ihre Jungen erstaunlich sicher findend, die ebenso permanent von anderen Vögeln bedroht sind: Raben, Bussarde, Wanderfalken und Raubmöwen, versuchen sich an dem Angebot zu bedienen. So eindrucksvoll der Anblick ist, Sean blickt trotzdem skeptisch auf die Felsen. Seit 2005 ist die Zahl der nistenden Paare kontinuierlich zurück gegangen. Ein Grund könnte der Anstieg der Meerestemperatur sein, weswegen Sand-Aale – die Hauptnahrung der Jungvögel – in die arktischen Gewässer gedriftet sind.

Zu beobachten ist das Spektakel von der Plattform des westlichen Leuchtturms, der aber – dies ist Irland – nicht über die Klippen hinausragt, sondern unterhalb des Klippenrands angelegt wurde. Allerdings dienten die drei Leuchttürme auf Rathlin nicht nur zur Warnung vor den Felsen, sondern auch zur Sichtung von nahenden Atlantikdampfern mit Kurs auf Liverpool. Rathlin war nach den Wochen der Überfahrt das erste Land in Sicht. Um die Nachricht von ihrer bevorstehenden Ankunft schneller nach London zu übermitteln, errichtete Radio-Pionier Guglielmo Marconi 1898 die erste kommerziell betriebene Funkstrecke der Welt zwischen Rathlin und Ballycastle. Zweck der aufwändigen und kostspieligen Übung: Die Eigner hatten zur allfälligen Schadensbegrenzung Schiffe und Fracht bei Lloyd’s versichert. Je eher ein Schiff gesichtet wurde, desto schneller konnten die Polizzenzahlungen eingestellt und damit die Profite maximiert werden.

Die Säulen dreier Windräder zeugen von dem vorerst letzten Versuch, auf der Insel Geld im großen Maßstab zu verdienen. Bei einem deftigen Wintersturm hat es die Rotorblätter verblasen, berichtet Sean auf dem Weg zurück zum Hafen, vorbei an der gesamten Schülerschaft von Rathlin (zwei Mädchen und vier Buben zwischen 5 und 10 Jahren), bevor wir uns im Pub von den drei Regenschauern des Vormittags erholen. In der Bucht vor dem Pub fläzen an die 30 Kegelrobben auf dem sonnigen Strand, etwas genervt von den Austernfischern, die geschäftig den Sand durchstöbern. Maximal 30 Touristen pro Tag – die wenigsten übernachten bei Margaret oder in dem anderen Bed & Breakfeast im Manor House – sorgen für geringe, aber kontinuierliche Einnahmen während der Sommermonate. Wie es weiter geht mit Rathlin? Irgendwie geht’s immer weiter, sagt Sean. Die Insel ist seit 7.000 Jahren bewohnt, da hat sich noch immer etwas gefunden.

Flip-Flops auf feuchten Felsen

Drüben auf dem Festland wird der Tourismus im größeren Maßstab abgewickelt. In Carrick-A-Rede, vor allem aber beim Giant’s Causeway ist die Infrastruktur des National Trust (inklusive Tea Kiosk and Gift Shop) auf X-Large-Gruppen ausgerichtet. Bei der spektakulären Felsenformation von Carrick-A-Rede in Sichtweite der Westspitze von Rathlin sorgt ein Fußweg von einer Meile für eine natürliche Reduktion des Besucherstroms. Den oft letzten Rest gibt die Aussicht auf die 30 Meter über dem Meer gespannte Hängebrücke aus Seilen und schmalen Brettern, die vom Festland hinüber zur kleinen Insel führt. Carrick-A-Rede bedeutet auf Gälisch – der keltischen Sprache Irlands und Schottlands –  „Felsen in der Straße“, nämlich jener, die die Atlantiklachse hinaus aufs offene Meer wählen und die von den Fischern einst mit Netzen abgesperrt wurde. Statt die sehr einfach ins Schwanken zu versetzende Konstruktion zu überqueren begnügen sich die meisten Reisenden mit einem Foto aus der Ferne.

Ein paar Buchten weiter ist Giant’s Causeway mit 750.000 BesucherInnen pro Jahr die größte Touristenattraktion Nordirlands. Die tatsächlich verblüffend ebenförmigen Basaltstöcke sind das Ergebnis ausführlicher vulkanischer Aktivität, langsamer und gleichmäßiger Abkühlung von Lava und der in den folgenden 60 Millionen Jahren wirkenden Erosion. Trotz massentouristischer Erschließung hat der „Damm des Riesen“ (so die Übersetzung des gälischen Clochán an Aifir) einen Rest an landschaftlicher Würde bewahrt –  verbunden mit einer Ahnung von Renitenz, wie wir sie dem mythischen Erbauer des Dammes namens Fionn mac Cumhaill zubilligen wollen: Unvermittelt aufbrausende Wellen durchnässen leichtfertige TouristInnen, die in lautmalerischen Flip-Flops die glitschigen Felsen besteigen. Eher schlaffe Rettungsringe deuten darauf hin, dass Schwimmer und Feiglinge hier im Vorteil sind.

Am Lough (gesprochen wie das schottische „Loch“) Foyle bin ich fast völlig alleine mit Höckerschwänen, Grün- und Rotschenkeln, Goldregenpfeifern, Brandseeschwalben, den ebenfalls schwarzköpfigen Lachmöwen, Ufer- und Pfuhlschnepfen, den Enten-artigen Mittelsägern und den Watvögeln mit dem schönsten Namen, nämlich Knutt. Die Mündung des Foyle- Flusses ändert im Rhythmus der Gezeiten zweimal täglich ihre Ausdehnung. Der Bahndamm entlang der Küste bildet eine wirksame Barriere zwischen dem Watt und den großindustriell bewirtschafteten Feldern, erklärt mir mein Begleiter Gerry Bond, der das Schutzgebiet der RSPB wie die Innentaschen seiner umfassend abgewetzten Barbour-Jacke kennt.

Ein Leben lang Sozialarbeiter beobachtet Gerry als Pensionist lieber die Revierkämpfe von Wanderfalken und Merlinen als jene von verhaltensorginellen Jugendlichen. Einen halben Tag mit dem kompletten Wetterangebot des irischen Spätsommers inklusive Sonnenfetzen, Hagelschauer und multiplen Regenbögen streifen wir durchs Gelände, doch den besten Aussichtspunkt hat sich Gerry für den Abschluss aufgehoben. Und da ist sie wieder, die Realität der Politik und der Zeitgeschichte: Magilligan’s Point sieht auf den ersten Blick wie eine idyllische Sanddünenformation aus, wäre da nicht die beträchtliche Mauer samt Stacheldraht, Wachtürmen und Videokameras. Magilligan entstand als Internierungslager der britischen Armee während der „troubles“ zwischen Katholiken und Protestanten, die drei Jahrzehnte von Ende der 1960-er Jahre an das Leben und Sterben in Nordirland prägten. Die Abgeschiedenheit wird sowohl von der nordirischen Gefängnisverwaltung wie von der Vogelwelt geschätzt.

Kunsthandwerk statt Konflikt

Viele Insassen der frühen Jahre stammten aus Derry beziehungsweise Londonderry. Die Bezeichnung der mit 80.000 Einwohnern zweitgrößten Stadt Nordirlands ist Gegenstand des Disputs zwischen den konfessionell codierten Konfliktparteien. Heute wird dieser Konflikt argumentativ ausgetragen, am 30. Januar 1972 aber floss Blut. An dem „Bloody Sunday“ erschossen im Verlauf einer Demonstration britische Fallschirmjäger 14 Zivilisten, weitere 13 Personen wurden schwer verletzt. Der „Bloody Sunday“ wurde zum Symbol der Auseinandersetzung für die nächsten Jahrzehnte – verewigt und verkitscht („… the real battle just began/To claim the victory Jesus won…“) in dem Song von U2.

Die Aufarbeitung dieses irisch-britischen Traumas dauerte lang: Erst im Juni 2010 wurde der 1998 angekündigte Untersuchungsbericht vorgelegt, mit dem nach Anhörung von 900 Zeugen die Schuld der Armee eindeutig belegt wurde. Der britische Premier David Cameron bat die Opfer um Verzeihung.

Derry ist heute eine ziemlich ansehnliche Stadt, vor allem verglichen mit ähnlichen Küstenorten Englands und Schottlands mit einst beträchtlicher Werft-Industrie. Markant ist die komplett erhaltene Stadtmauer aus dem 17. Jahrhundert; Derry war die letzte als solche errichtete Festungsstadt Europas. Innerhalb der Mauern wohnten in den heute ordentlich renovierten georgianischen Stadtvillen die protestantischen Kolonisatoren, außerhalb die katholische Landbevölkerung. Auf der westlichen Stadtmauer wird die Geschichte des Konflikts mit aller einst ortsüblichen Gewalt deutlich. Noch immer sind die Kanonen oben auf dem Hügel auf das katholische Reihenhausviertel unten im Tal gerichtet – aber nicht mehr geladen. Auf den Häuserfronten der Bogside illustrieren Kampfszenen mit ortsüblicher Drastik die „troubles“. Touristen wandern durch die Gegend, ausgewogen informiert von städtischen Fremdenführern. Zum Abschluss gibt’s die beliebtesten Motive als Postkarte, Poster oder Kühlschrankmagnet in der People’s Gallery der Bogside Artists. Aus dem Konflikt ist Kunsthandwerk geworden. Immerhin.

Die unmittelbar vor der Stadt verlaufende Grenze zur Republik Irland wird heute nicht mehr von Polizeistützpunkten und Armeepatrouillen markiert. Zu bemerken ist der Grenzübertritt durch zwei Veränderung; beide nur von sehr eingeschränkter Bedeutung: Die Straßenschilder sind auf der irischen Seite zweisprachig in Englisch und Gälisch. Und: Entfernungsangaben sowie Tempolimits sind statt in Meilen in Kilometern angegeben. Vorausgesetzt die Straßenschilder sind überhaupt vorhanden, etwa zum Glenveagh National Park weisend, immerhin dem größten der sechs Nationalparks Irlands.

Subversion und Subvention

Die Mühe lohnt sich. Im Zentrum der einsamsten und ärmsten Grafschaft Irlands erstreckt sich seit der Gründung des Parks 1986 auf 160 Quadratkilometern ein herbes Idyll mit überraschend anmutigen Details. Der 683 Meter hohe Gipfel von Slieve Snacht ist dauerhaft den atlantischen Böen ausgesetzt. Weiter unten dehnen sich die Moore aus. Für irische Verhältnisse durchaus üppig ist der Eichen- und Birkenwald. Grauschnäpper, Zipzalp, Wiesenpipern und Waldlaubsänger nisten hier. Und am Ufer des Lough Veagh liegt die einzig bekannte Brutstätte des Sterntauchers in Irland. Doch was Lorcan O’Toole wirklich am Herzen liegt sind die Steinadler. Seit 2001 werden die Greifvögel in Gleanveagh ausgewildert. Lorcan ist für das Projekt verantwortlich. Die Geschichten, die er erzählt, kommen mir vom Neusiedler See oder aus dem Thayatal bekannt vor.

Der einst hier heimische Steinadler – so Lorcan – sei mehr als eine Leittierart, seine Wiederansiedlung ein Symbol der sozio-kulturellen Entwicklung einer lange vernachlässigten Region. Ebenso wichtig wie der ökologische Ansatz sei die Vermittlungsarbeit zwischen Naturschützern und Landwirtschaft. Das prinzipiell schwierige Verhältnis wird in Irland durch zwei Faktoren zusätzlich belastet. Artenschutz war – wie in England – ursprünglich ein Anliegen der Big Houses, also der Großgrundbesitzer, die ihr Jagdvieh vor den Kleinbauern schützen wollten. Die Jagd auf gefährdete Tierarten galt damit in Irland als Akt der Subversion. Die Agrar-Subventionen der Regierung aus EU-Töpfen in den letzten Jahrzehnten – der zweite Grund – stärkten ebenfalls jene Kräfte, die den Steinadler und andere Greifvögel als Fressfeind der Schafsherden denunzierten und deswegen Giftköder auslegen.

Lorcan versucht mit kulturellen Argumenten dagegen zu halten. Gleanveagh National Park liegt in der Gaeltacht, also jener Region an den Westküsten Irlands, in der auch im Alltag noch vorwiegend Gällisch gesprochen werde. Hier hätten alte Traditionen und die Sprache in Zeiten der heftigsten Repression überlebt – so wie bedrohte Tier- und Pflanzenarten. Folglich sei der Steinadler eine Metapher für die widerständige Ausdauer der irischen Kultur. Seit 2007 brüten die Steinadler nach 100 Jahren wieder in Donegal, eine kleine Population von rund 20 Tieren dürfte sich fix etabliert haben und ihre Kreise über Gleanveagh Castle am Ufer des Lough Veagh ziehen.

Irisches Salzkammergut

Die vermeintlich bedrohten Schafe sind übrigens Neuankömmlinge, deren Ansiedlung eng mit dem Bau des Schlosses zusammenhängt. Errichtet wurde es in den 1860-er Jahren von dem Bodenspekulanten John George Adair. Der Anbau von Kartoffeln hatte sich wegen der Missernten auf Grund der Kartoffelfäule und den daraus resultierenden Hungersnöten der 1840er Jahre als zu riskant erwiesen. Um die Schafszucht profitabel zu gestalten ließ der Schlossherr Flächen zusammenlegen. Dazu vertrieb Adair mit Hilfe der Obrigkeit 244 Pächter samt Familien von seinem Besitz. Der unausweichlich gewordene Fluch einiger magisch begabter Frauen aus der Gegend soll dazu geführt haben, dass Adair ohne Nachkommen starb.

1937 kaufte der irisch-amerikanische Kunsthistoriker Henry McIlhenny das Schloss. Die Nutzung als Filmkulisse läge nahe. Aber nicht etwa für die irische Fassung von „Highlander“, sondern für das Remake von „Sound of Music“, jenem Kitschklassiker über die singende Trapp-Familie, mit dem Julie Andrews sich selbst und dem „Edelweiß“ zu Weltruhm verhalf.

Edelweiss: John Denver and Julie Andrews

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Zu den Flausen von Henry  McIlhenny zählte seine Liebe zum Salzkammergut. Deswegen reiste McIlhenny jährlich zu den Salzburger Festspielen, wo er nicht nur ein Service der Gmundner Keramik Manufaktur im klassischen Hirsch-Design erwarb; bei der Firma Lanz in Salzburg erstand er auch Dirndln und Janker für das komplette Personal von Gleanveagh Castle, die die irischen boys and girls auch tragen mussten, wie ein Foto in der Vorhalle belegt. Auch McIlhenny starb ohne Nachkommen; allerdings nicht in Folge des Fluchs, sondern wie Caitlin an der Schloss-Kassa ebenso diskret wie despektierlich meint, „because it was his life style not to marry.“ Thomas Bernhard hätte seine Freude an McIlhenny gehabt.

„Wir sind Krisen gewohnt“, sagt Lorcan noch zum Abschied. „Eigentlich war die Boom-Phase der letzten 15 Jahre die Ausnahme von der Regel. Wenn uns nichts anderes als die Landschaft bleibt, werden auch die Farmer auf dem Land und die Bürokraten in Dublin merken, dass die Touristen wegen der intakten Natur nach Irland kommen. Nicht wegen der Steuersparmodelle.“ Die Krise ist noch lange nicht ausgestanden, das Zeitgeschehen drängt sich wieder in die Naturwahrnehmung.

Auf dem Weg nach Slieve League an der Westspitze Donegals: Die 600 Meter hohen, steil in den Atlantik abfallenden Felsen zählen zu den höchsten Klippen Europas. Im Autoradio schlägt ein Industrie-Funktionär vor, bis zum Ende des Jahres 30.000 Beamte zu entlassen, um irgendwie das Budgetdefizit von 30 Prozent zu reduzieren. Es klingt nicht nach einem Scherz. Mit Blick auf die Klippen von Slieve League verbiete ich mir die müde Pointe, dass Irland am Abgrund steht. Die Insel hat noch immer irgendwie die Kurve gekriegt.

Alle Informationen auf einen Blick

Republik Irland und Nordirland haben ihre touristischen Aktivitäten gebündelt. Alle sachdienlichen Hinweise für die Reise erteilt

Irland Information / Tourism Ireland – Representation Austria; Argentinierstrasse 2 / 4; A-1040 Wien; Tel: +43 (01) 501 59 60 00; Fax: +43 (01) 585 36 30 88; E-Mail: info.at@tourismireland.com; Web:  www.entdeckeirland.at

Beste Reiszeit für das Birdwatching ist zwischen Mai und August. Mangels ausgeprägt organisierter öffentlicher Verkehrsmittel empfiehlt sich die Kombination von Flug und Mietwagen. Die Umstellung auf den Links-Verkehr ist weniger dramatisch, als es im ersten Moment scheint. Irische Verkehrsteilnehmer sind in der Regel weniger pedantisch als österreichische Autofahrer.

Dublin ist per Flug direkt aus Wien erreichbar, Belfast über London. Derzeit einziger Anbieter von Wien nach Dublin ist Aer Lingus. Bei frühzeitiger Planung sind Tickets unter 100 € möglich.

Unterkunft:

Rathlin Island

Coolnagrock B&B: Traumhafte Lage oberhalb des Hafens mit wirklich sättigendem Frühstück um 30 £/Person; Tel: +44/028/20763983, Mob: +44/7718/124662

The Manor House: Erstes Haus am Hafen mit Blick auf die Kegelrobben.

Donegal

Harvey’s Point: Eines der besten irischen Hotels in spektakulärer Seelage mit Blick auf die Berge Donegals und geprägt von der Schweizer Gründungsfamilie, was unter anderem in der hervorragenden Hotelküche zum Ausdruck kommt. Vielfach prämierter Ausgangspunkt für die Erkundung von Irlands Westen.

Gastronomie

Ballycastle

Morton’s Fish ’n’ Chips: Die mit Abstand besten, größten und günstigsten Portionen,  direkt am Hafen gelegen. Das frisch gefangene Rohmaterial wird vom Cousin des Besitzers direkt von Bord des Fischkutters ins Lokal gebracht.

Ballintoy Harbour

Roark’s Kitchen: Ebenfalls im Hafen gelegen, ausführlichere Speisekarte. Traumhafter Ausblick.

Bushmills

Old Bushmills Distillery: Heimat der angeblich größten Brennerei von Irish Whiskey (der mit dem „e“). Ausführliche Verkostungen im Rahmen einer Werkstour möglich.

Magilligan’s Point

The Point Bar: Traumhaft gelegenes Pub am Anleger der Fähre quer über den Lough Foyle mit weithin gerühmter Küche und einem sich ständig verändernden Himmel als Unterhaltungsprogramm.

Greencastle

Kelly’s Seafood Bar: Und noch ein exzellentes Restaurant im Hafen, diesmal auf der irischen Seite des Lough Foyle.

Lesen und Hören

Irland wegwärts: Charmantes Hörbuch, das von Tanzdichtern, Trinksportlern und Grünpiraten berichtet. Joscha Remus, 2CD’s, 150 Minuten, headroom Verlag, € 24,90

Gebrauchsanweisung für Irland: Ralf Sotschek, Harry Rowohlt und Wiglaf Droste plaudern über Irland – ebenso freudvoll wie erkenntnisreich. 1 CD, Roof Music, € 19,90

Irisches Tagebuch: Der Klassiker von Heinrich Böll. dtv, € 5,90