14|03|16: Der UFO-Landeplatz von Kautzen (1996)

web-Hauptplatz-0011-1--1-largeIn der ersten Phase nach der Gründung 1992 gab es in News ab und an Platz für lange und hintergründige Reportagen, wie jene, die ich 1996 verfasste.  Die kleine Ortschaft Kautzen im nördlichen Waldviertel hatte ich Anfang der 1990er Jahre entdeckt. Ein paar Jahre später war aus der Wochenenddesitination für EsoterikerInnen aus Wien ein erfolgreiches Modell der Regionalentwicklung geworden. 1998 besuchte ich den Ort noch einmal, als ich einen Beitrag für die BBC drehte. Den vorliegenden Text fand ich auf der einschlägigen Homepage www.ufo.at. Als mein Mitarbeiter wird Wolfgang Ainetter ausgewiesen; der damalige Praktikant ist inzwischen wieder bei News – als Chefredakteur. [edit 12/02/2015: Ainetter ist seit November 2014 nicht mehr CR von News]

News, 1996

Der Fremdenverkehrsprospekt der Waldviertler Gemeinde Kautzen widmet ihm viel Platz: dem Skorpionstein, einem inzwischen international bekannten Wallfahrtsort für Esoteriker. Kerzenreste auf Granitfelsen zeugen davon, daß den spirituellen Touristen die Gefahr eines Waldbrands vernachlässigbar erscheint, verglichen mit dem Gewinn für ihr Seelenheil, den Rituale im Mondschein versprechen.

Gleich nebenan erstreckt sich eine vom „Landwirtschaftsministerium geförderte Grünbrache“, wie auf einem Schild mittendrin zu lesen ist. Früher nannte man so etwas auch Wiese. Doch so profane Ausdrücke werden der vermeintlichen Bedeutung nicht gerecht handelt es sich doch, wie jeder in Kautzen weiß, um den legendären UFO-Landeplatz.

Auf den ersten Blick hat Kautzen den extraterrestrischen Beistand auch dringend nötig. Die 64 Vollerwerbsbauern kämpfen ums Überleben in der EU, vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele; zwischen 1971 und 1991 nahm die Dorfbevölkerung um 17 Prozent ab, heute leben hier nur mehr rund 1.350 Menschen, die größte Gruppe stellen mit 28 Prozent die Pensionisten. Sepp Wallenberger, Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft für Regionalentwicklung und damit eine Art Entwicklungshelfer im Inland, stellt trocken fest: „Kautzen ist nicht einmal als Schlafort für die Bezirksstadt Waidhofen attraktiv, weil die Entfernung zu groß ist.“

Aber so erstaunlich es klingen mag, die Gemeinde prosperiert. Wallenbergers nächster Satz, ohne Anflug von Ironie: „In Kautzen spielt sich schon das nächste Jahrtausend ab.“ Solche Sätze hört man sonst nur über Megametropolen wie Tokio und Los Angeles. Doch auf ihre Art hat sich die Gemeinde zu einem Paradebeispiel für ökosoziale Marktwirtschaft gemausert.
„Grünbemooste Spinner sind wir aber keine!“ stellt Bürgermeister Erwin Hornek (ÖVP) klar, während er stolz die Trocknungshalle für 3.500 Kubikmeter Hackschnitzel herzeigt. Nebenan werden damit jene Öfen im Blockheizkraftwerk befeuert, mit denen die aus 20 Bauern bestehende Genossenschaft rund 75 Prozent der Häuser mit Fernwärme versorgt.
Zwei der positiven Auswirkungen: Die jährliche Kohlendioxyd-Belastung wurde um 150 Tonnen reduziert, die Bauern verdienen 1,7 Millionen Schilling pro Jahr durch den Verkauf der Hackschnitzel an die Genossenschaft; das Material fällt bei der Forstwirtschaft sowieso an und würde sonst nur in den Wäldern verrotten. Hornek nennt noch einen Vorteil: „Viele Leute, die an der Fernwärme hängen, haben statt einem Öltank oder Kohlen jetzt einen Fitneßraum im Keller oder auch ein Weinlager.“

Diese ganzheitliche Sicht der Dinge ist typisch. Alle erdenklichen Nebenerscheinungen eines Projekts werden bei den Überlegungen miteinbezogen und bewertet; so auch bei der Rapsöl-Anlage, die Mitte September ihren Betrieb aufnahm. Aus den Samen soll nicht nur hochwertiges, weil kaltgepreßtes Speiseöl, sondern auch der Treibstoff für eine Kraft-Wärme-Koppelung gewonnen werden, die das Blockheizkraftwerk ergänzt. Damit wäre der Ort nicht nur von Wärmetransporten, etwa durch eine Erdgasleitung, sondern auch von Stromlieferungen unahhängig. Hornek: „Biomasse aus der Region wird in Energie für die Region umgewandelt.“ Schmackhafter Nebeneffekt: Die Preßrückstände des Raps können als Kraftfutter in der Viehzucht verwertet werden, was den Kauf von Eiweißprodukten wie Soja aus den USA überflüssig macht.

Erwin Hornek: „Was wir hier machen, ist letztlich nichts anderes als das bäuerliche Kreislauf denken, das es seitJahrtausenden gibt zwecks Erhaltung der drei Lebensgrundlagen Boden, Luft und Wasser.“

Beim Müll wird ebenfalls der geschlossene Kreislauf angestrebt. Durch Überzeugungsarbeit, zu der unter anderem die Veranstaltung von „Kompostpartys“ gehört, bei denen den Einwohnern die Mülltrennung beigebracht wird, löst der Ort den Großteil des Entsorgungsproblems. Die Partys kosten der Gemeinde zwar 4.500 Schilling pro Jahr, dafür spart sie knapp eine Million Schilling an Müllgebühren. Doch auch hier kommt es zu Konflikten zwischen noblem ökologischem Streben und handfesten Arbeitsplatzsorgen. Rund 70 Familien wollten bei der Post die nicht persönlich an sie adressierten Werbebriefe abbestellen. Es stellte sich heraus, daß das einem Briefträger den Job kosten würde. Die Aktion wurde abgeblasen, Einladungen zu Heizdeckenwerbefahrten erreichen nun weiterhin den Ort. Trotz aller Probleme – „Autarkie“ ist das Zauberwort, das Hornek immer wieder erwähnt. Doch die Unabhängigkeit bezieht sich nicht nur auf Erdgasleitungen und die Müllabfuhr Kautzen will vor allem in der Gestaltung seiner Zukunft unabhängig bleiben – so wie das kleine gallische Dorf, Heimat von Asterix und Obelix. Das würden auch andere Gemeinden gerne so machen, warum das aber hier auch ohne Zaubertrank möglich ist, dafür gibt es einige Gründe.

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Einer davon heißt Manfred Stein, residiert in einer ehemaligen Greißlerei am Hauptplatz, ist Architekt und ein Mann vom Charme sowie der Wortgewalt eines Mundl Sackbauer. Als er 1984 mit seiner Familie aus Wien hierherzog, „war Kautzen ein bescheidenes Kaff“, sagt Stein und zögert verdächtig lange beim Aussprechen des Wortes „bescheiden“. Ein erfolgloser Aussteiger war der Architekt nicht, zu seinen bekanntesten Arbeiten gehört die Gestaltung der Fußgängerzone Favoritenstraße im Zuge des U-Bahn-Baus. In Kautzen war es letztlich auch der Untergrund, der Manfred Stein seine neue Lebensaufgabe vermittelte: 1985 mußte die Kanalisation des Orts erneuert werden. Manfred Stein redete dem damaligen Bürgermeister ein, bei dieser Gelegenheit doch gleich den Hauptplatz mit Mitteln der Dorferneuerung gestalten zu lassen. Ein Brunnen wird aufgestellt, die Oberfläche mit lokalem Granit gepflastert, die Leitungen in den Boden verlegt. Umweltkunde in der Schule. Stein animiert die Volksschullehrer, Umweltkunde in den Unterricht aufzunehmen. Die erste praktische Übung findet am Sonntag vor dem alljährlichen Sonnwendfeuer im Juni statt. Wie üblich hat die Bevölkerung jeden nur erdenklichen Sperrmüll zu dem Scheiterhaufen gekarrt. Als die Kirchgänger nach der Messe vor das Portal treten bietet sich ihnen das Bild einer Deponie. Die Schüler haben den Mist auf einen Leiterwagen gepackt, auf den Marktplatz gebracht und sortieren ihn dort in Sondermüll, Rohstoffe und gefahrlos verbrennbares Material. Als die Schule 1986 den Landes-Umweltpreis verliehen bekommt, schlägt anfängliche Skepsis in Mitarbeit um. Manfred Stein gerät ins Schwärmen, denkt er an die Aktion zurück: „Das war Volksbildung im klassischen Sinn. Was das rote Wien für die zwanziger Jahre war, das wird Kautzen für die neunziger Jahre werden.“

An der Dorferneuerung hat Stein aber dennoch Zweifel: „An sich wäre das ein basisdemokratisches Instrument. Das funktioniert aber nur, wenn die Basis damit umgehen kann, was mit der Obrigkeitsgläubigkeit hier aber nicht geht. Also ist die Dorferneuerung bei uns ziemlich russisch gelaufen. Eine kleine Gruppe – Bürgermeister, Lehrer, Architekt – hat die Entscheidungen getroffen und danach demokratisch legitimiert.“

Friktionsfrei läuft die Sache bis heute nicht. Die ständige Präsenz der Familie Stein, allein schon gegeben durch das Haus am Hauptplatz und das Pendeln des Architekten hinüber in den Gasthof, ist zwar wichtig, weil immer ein „Stein des Anstoßes“ (Hornek), aber Manfred Stein weiß: „Für die Sache selber wär’s besser gewesen, ich wär am Wochenende mit dem Mercedes aus der Stadt gekommen und hätt‘ den Bauernschädeln gesagt, was sie machen sollen.“

1989 wird das Projekt ausgeweitet. Erwin Hornek führt die verstärkten Anstrengungen der Gemeinde auf die Erneuerung der dörflichen Dreifaltigkeit zurück: „Es ist ein neuer Pfarrer gekommen, ein neuer Bürgermeister gewählt worden und ein neuer Wirt am Hauptplatz eingezogen.“ Die Bauerngenossenschaft des Kraftwerks wird gegründet, für die alte Obermühle, Betriebsgelände einer pleite gegangenen Textilfirma, ein „Unternehmer mit ökologischer Gesinnung“ (Hornek) gesucht. Inzwischen bewirtschaftet ein Handwerks. kollektiv die Mühle, woran sich die Bevölkerung erst einmal gewöhnen muß. Die Tischlerin Hertha Weber: „Am Anfang sind Spaziergänger vorbeigekommen und haben gefragt, ob wir Sex mit Partnertausch betreiben.“ Gerüchte wie diese sind längst ausgeräumt, Besucher interessieren sich inzwischen vor allem für die hier hergestellten Holzmöbel und die biologische Kläranlage hinter dem Haus.

web-PlatzdesSkorpions-0029--1-largeFür Kautzen scheint alles erfolgreich zu laufen. Doch plötzlich kommt der Ort ins Gerede. In Wiener Esoterik-Kreisen raunt man von einer wundersamen Steinformation und einem UFO- Landeplatz irgendwo oben an der tschechischen Grenze. Wieder einmal ist es Manfred Stein, der für das Interesse von außen gesorgt hat. Eines der nicht gerade seltenen Kautzener Originale, der Wünschelrutengänger Guido Koch, hatte ihm von ein paar Felsen erzählt, in dessen Umfeld er besonders starke Ausschläge gemessen habe. Stein kartographiert die Brocken und erkennt zufällig die Ähnlichkeit seiner Aufzeichnungen mit dem Sternbild des Skorpions. Guido Koch verortet die Formation und stößt auf Erstaunliches. So verläuft eine Linie in Nord-Süd-Richtung vom Skorpionstein aus genau auf den Ötscher zu. Eine Linie im Winkel von 45 Grad in südöstlicher Richtung führt direkt nach Wien, 45 Grad in südwestlicher Richtung über Gmünd, Weitra und Linz zum Großglockner. Stein und Koch sehen keinen Zufall in dem „Zusammenlaufen von Akupunkturlinien der Erde in einem Punkt, am Rande der Weltgeschichte und doch in der Mitte Europas.“

Der UFO-Landeplatz, gibt Stein freimütig zu, sei eigentlich nur ein Nebenprodukt des Skorpionsteins. Anläßlich eines lllustrierteninterviews erfindet Stein in Weinlaune das Kautzener Cape Kennedy. Prompt folgt ein Sensationsbericht. Damit nicht genug: Aus der Fiktion wird Wahrheit, als der nichtsahnende Besitzer des nämlichen Grundstücks, ein Bauer aus der Nachbargemeinde, die Wiese einem Schotterunternehmer überläßt, der sofort damit beginnt, das Gelände mit Schubraupen zu planieren. Stein freut sich: „Ohne mein Zutun haben die mit der Errichtung des UFO-Landeplatzes begonnen.“

Den Skorpionstein kann die Bevölkerung noch akzeptieren; schließlich wußten die Alten schon immer um die Eigenart der Felsen, etwa des „Warzenbrünnderls“, einem kleinen Regenwasserbecken im Granit, in dem Hautausschläge gelindert wurden. Die Begegnung der dritten Art auf dem UFO-Landeplatz hingegen nehmen die Leute nicht so locker auf. Eine Krisensitzung des Gemeinderats wird einberufen: „Die halten uns im Bezirk alle für Deppen“, heißt es. Stein erwidert: „Wer sind da die Deppen? Ihr oder die Touristen, die dafür zahlen, daß sie mit dem Bus nach Kautzen kommen dürfen?“ Inzwischen ist längst Gras über die Wiese, aber nicht über die Sache gewachsen: Sanfter Tourismus wurde neben der Autarkie zum Entwicklungsziel erklärt. Steins trockene Vorgabe: „Öko-Feminismus mit esoterischem Touch; vom marktanalytischen Ansatz her eine klare Sache.“

Resultat der überirdischen Werbekampagne: 9.000 Nächtigungen pro Jahr. Der Neid anderer Gemeinden läßt nicht lange auf sich warten: „Die kriegen alles vom Pröll geschenkt“, wird behauptet, weil die Gemeinde trotz der Investitionen mit nur zirka fünf Millionen Schilling verschuldet ist. „Nix da!“ wider. spricht Hornek“,Die sind selber schuld, weil sie sich hinter ihren Stauden eingraben.“

Das Verhältnis zur Landesregierung ist erst seit kurzem lockerer. Lange genug wurde zum Beispiel der Sinn des Kraftwerks bezweifelt. Umweltlandesrat Franz Blochberger: „Bei solchen Projekten ist immer Skepsis angebracht. Es kann technische Probleme geben; es kann sein, daß es sich nicht rechnet. Aber als Pilotprojekt ist es hochinteressant.“ Mit dem Landes-Energieversorger EVN gibt es weiterhin Spannungen. Anfang 1995 macht der Leiter der Abteilung für Stromtarife und -verträge, Johann Leitner, der Gemeinde den Vorschlag, das Kraftwerk zu kaufen. „Der hat gemeint: ,Das ist doch viel zu groß groß für euch.‘ Und uns wie Tschapperln behandelt“, empört sich Hornek. Kleinanlagen stelIen zwar keine echte Konkurrenz für die Stromriesen vom EVN dar, aber sie dienen Bürgerinitiativen dazu, den Energie-Multi unter Druck zu setzen. Dort, wo dieser Druck fehlt, hält die EVN an den alten Methoden fest. So soll demnächst quer durch den Bezirk Lilienfeld eine Erdgasleitung gelegt werden; eine Anlage wie in Kautzen wäre für die waldreichste Region Niederösterreichs zweifellos die sinnvollere Lösung.

Doch Hornek warnt, das Kautzener Modell läßt sich nicht einfach nachmachen: „Adaptieren ist in Ordnung, kopieren ein Schwachsinn. Das sind alles Maßanzüge, die wir hier für unsere Situation angefertigt haben.“ Es gäbe lokale Faktoren, die ent. scheidend für den Erfolg sind, etwa die 14 Vereine im Ort, die alle auf irgendeine Weise mitarbeiten. Dazu käme die Abgeschiedenheit. Manfred Stein: „Weil wir immer hinten waren, sind wir jetzt vorn.“

Ein Erfolgskriterium allerdings läßt sich auch anderswo anwenden: „Die Bestätigung von außen, zum Beispiel als wir 1992 den Europäischen Dorferneuerungspreis gewonnen haben, hebt das Selbstwertgefühl im Ort“, analysiert Hornek. Hertha Weber von der Obermühle sieht das ein wenig skeptischer: „Die Kautzener neigen inzwischen zur Selbstverherrlichung. Hier ist zwar vieles möglicher als anderswo, aber der Ort kann sich nicht aus der strukturschwachen Region ausklinken. „Einloggen“ wäre eine Alternative: Teleworking Computerarbeit per Standleitung ins Büro nach Wien oder Linz heißt das neue Zauberwort. Dafür sind freilich bessere Leitungen notwendig. Ein anderes Projekt ist der Anbau von Hanf, gefördert von der EU; und zwar nicht für psychedelisch interessierte Touristen, sondern als höchst ertragreiche Biomasse. Warum solche Ideen auf dem steinigen Boden von Kautzen so gut gedeihen, wollte Gabriele Fail, Mitarbeitern des Dorferneuerungsprogramms, anläßlich der Eröffnung des neuen Schulzentrums mit integrierter Mehrzweckhalle von einer Bäuerin wissen. Die Antwort: „Vielleicht hat das halt doch was mit dem Skorpionstein zu tun.“

Fotos: © Gerhard Wanko