26|06|10: Schalthaus mit Fernblick

Rede zum Begehungsfest des Schalthauses Röhrensteig am 30.5.2026

Herzlich willkommen!

Ich habe Anfang des Jahres dieses Schalthaus von der EVN gekauft. Ein Schalthaus ist eine Anlage zur Transformation und zur Verteilung von Strom in lokalen Netzwerken. Dieses Schalthaus wurde von der NEWAG (aus der Jahrzehnte später der heutige Stromversorger EVN hervorgegangen ist) ab 1950 geplant, 1951 errichtet und 1952 in Betrieb genommen. Im August 2025 wurde es endgültig außer Dienst gestellt.

Anlagen wie diese wurden vor allem in den 1950er und 1960er Jahren im ländlichen Raum errichtet. 2024 wurden 14.313 Trafostationen im Versorgungsgebiet der EVN (das sich nicht vollständig mit dem Bundesland Niederösterreich deckt) verzeichnet.[1] Derzeit werden diese Anlagen durch kleinere Einheiten ersetzt, vor allem um den drastisch geänderten Anforderungen einer bidirektionalen Flussrichtung (also nicht nur vom Kraftwerk über das Netz zu den VerbraucherInnen, sondern eben auch von den nun Strom in Kleinmengen produzierenden VerbraucherInnen ins Netz) zu entsprechen.[2] Die technische Lebensdauer einer Trafostation beträgt 30 bis 40 Jahre. 40 Prozent der Trafostationen der EVN sind 31 Jahre oder älter. Das ergibt einen Bestand von rund 5700 Anlagen, die am Ende ihrer Lebensdauer sind.[3] Ich frage mich nun, was sich mit solchen, vermeintlich nutzlos gewordenen Gebäuden machen lässt und fange damit bei meinem neu erstandenen Schalthaus an.

Trafostationen wie dieses Schalthaus repräsentieren die zweite Phase der sogenannten technologischen Revolution, nämlich die industrielle Energiegewinnung in Form von Elektrizität. Zu diesem Entwicklungsmodell mit seinen disruptiven Schüben und Entwicklungszyklen sage ich später mehr. An dieser Stelle ist es mir nur wichtig zwei Gedanken festzuhalten:

1) Wir befinden uns heute wieder in der Phase eines disruptiven Schubs.

2) Diese Phasen verlaufen nicht linear, sondern manchmal parallel oder zeitversetzt und sie können miteinander interferieren. Deswegen lohnt es sich, dass wir uns anhand dieses Schalthauses über die Natur dieser Veränderungen Gedanken machen.

Meine These: Die Schalthäuser lassen sich als Symbolbauten von technologischen und somit gesellschaftlichen Entwicklungen lesen. Durch ihre ehemalige Funktion stehen sie für Technik und Nutzen der Vernetzung. Und wegen ihrer flächendeckenden Verbreitung können sie als Bezugs- und Ausgangspunkte für lokal entstehende Gespräche über Veränderung dienen und haben so das Potenzial die Funktion einer sozialen Skulptur anzunehmen. Zusammengefasst: Der einstige Transformator transformiert technische in gesellschaftliche Energie. Und die lässt sich nutzen. Wie aber lässt sich das anstellen? Schauen wir uns einmal die Geschichte des Schalthauses an.

Geschichte, Bau, Architektur des Schalthauses

Der Bau der Schalt- und Umspannstation Drosendorf-Stadt erfolgte im Jahr 1952 aufgrund der Modernisierung des Ortsnetzes von Drosendorf mit der Umstellung von Gleichstrom auf Wechselstrom. Das 5kV Gleichstromnetz geht auf das E-Werk Wirtl zurück, dass mit einem Kraftwerk an der Thaya im Ursprung seit der Wende zum 20. Jahrhundert Drosendorf, Drosendorf-Altstadt und Unterthürnau mit Strom versorgte. 

Der NEWAG-Vorläufer, die Gauwerke Niederdonau AG, hatte im Jahr 1942 das E-Werk der Stadtgemeinde Drosendorf gegen Vorzugsaktion im Nennwert von 41.000,- Reichsmark übernommen, was einem heutigen Wert von ungefähr 200.000,- Euro entspricht. Generell kam es seit 1938 zu einem „Streben nach der Übernahme aller Elektrizitätswerke aller Elektrizitätsunternehmen Niederösterreichs durch die (…) Gauwerke Niederdonau AG“. Durch das Zweite Verstaatlichtengesetz 1947 folgte die „Übernahme der meisten noch selbständigen Elektrizitätsversorger Niederösterreichs durch die NEWAG“. (siehe Homepage)

In dem Antrag zur Baubewilligung vom 27. Juli 1951 heißt es: „Das Gebäude ist ein turmartiges, zweigeschossiges Bauwerk, dessen beide Räume zur Unterbringung eines Umspanners und der elektrischen Schaltapparatur bestimmt sind.“Die Hauptabmessungen des Gebäudes betragen 6,02 m mal 5,89 m, und ergeben also eine verbaute Fläche 35,45 m2 pro Geschoss sowie eine Höhe bis zur Gesimsoberkante  von 8,15 m. Das Mauerwerk weist durchgehend eine Stärke von 38 cm (…) „Das Obergeschoß wird vom Untergeschoss durch eine Stahlbeton-Plattenbalkendecke für eine Nutzlast von 400kg/m2 getrennt.“

Die Unterlagen weisen keinen Architekten aus, nur ein Baumeister namens Greulberger ist angeführt, der im Auftrag der NEWAG das Gebäude errichten soll.

Die anlässlich des Begehungsfestes kuratierte Ausstellung im Schalthaus zeigt eine Fotoserie von elektrischen Anlagen im Bereich der NEWAG Betriebsdirektion Deutsch Wagram aus dem Jahr 1957 (siehe Galerie). Die Fotos lassen darauf schließen, dass Trafostationen und Schalthäuser architektonisch vielfältig ausgeführt wurden. Die Normierung in einheitliche Bautypen war noch nicht vollständig abgeschlossen, wodurch zwar ein ähnliches Erscheinungsbild der Gebäude nicht ausgeschlossen war, aber dennoch Gebäude den örtlichen Gegebenheiten und Umständen angepasst wurden. 

Im Bescheid betreffend die Umstellung des Ortsnetzes von Drosendorf von 1952 wird neben der Schalt- und Umspannstation Drosendorf-Stadt auch die Umspannstation Drosendorf-Altstadt beschrieben, die in Form einer „Newageinheitsstation der Type V/47“ errichtet wurde. Individuell entworfene Baukörper, wie die Schalt- und Umspannstation Drosendorf-Stadt und normierte Gebäude, wie in der Altstadt, entstanden also gleichzeitig.

Die Außerbetriebnahme der Schalt- und Umspannstation Drosendorf-Stadt 73 Jahre nach dem Antrag zur Baubewilligung „erfolgte aufgrund veränderter Netzanforderungen sowie Innovationen im Bereich der Netzkomponenten, die das Gebäude in seiner Dimension obsolet und unwirtschaftlich machten. Von einer generellen Außerbetriebnahme solcher Schalthäuser und Umspannstationen kann im Netzgebiet der Netz NÖ dennoch nicht gesprochen werden. Örtliche Gegebenheiten und die Anforderungen an das Netz werden regelmäßig geprüft.“[4]

Vom Turm über den Horizont hinaus blicken

Soweit also die den Unterlagen zu entnehmenden Fakten. Wie wir wissen, kann der Mangel an Fakten (etwa was sich ein Architekt bei dem Entwurf gedacht hat) manchmal hilfreich sein, wenn dadurch Assoziationen möglich werden. Ich hätte hier einige im Angebot als Einladung an euch, selber assoziativ tätig zu werden.

Wer den Röhrensteig vom Edelteich kommend herunter wandert, wird mehrere turmartige Bauten entdecken: Die Aufbauten des Schlosses, das Hexenhaus, die Stümpfe des Horner Tors, eben das Schalthaus, das Dach des Hauses meiner Nachbarn. Ein bisschen weiter den Weg entlang lässt sich der Lagerhausturm mit seinen Mobilfunkantennen erkennen; übrigens auch das eine vor einiger Zeit außer Betrieb genommene, kommunale Infrastruktur, die ihre Funktion verloren hat und eine neue Bestimmung sucht.

Türme sind Aussichtspunkte und Schutzräume, Kultstätten und Repräsentationsbauten. Die Geschlechtertürme Oberitaliens und der Trump-Tower in New York können zusammen gedacht werden; Barad-dûr aus „Herr der Ringe“ ebenso wie das Gefängnis von Rapunzel. Der Turmbau zu Babel mag als Ausdruck der Hybris des Menschen gegenüber Gott wie als Symbol der Globalisierung gelten. Mit dem Turm erhebt sich der Mensch aus der Savanne der Vorzeit und über seine Mitmenschen. Der Turm riskiert und gewährt Sichtbarkeit und Aussicht. Der Elfenbeinturm schließlich ist der sprichwörtliche Ausdruck der Abgehobenheit von Wissenschaft. Doch ist so eine Weltfremde und Abgeschiedenheit vom Alltag nicht auch nötig, um Gedanken zu fassen, die über den üblichen Horizont hinaus gehen? 

In der oft verwendeten Epocheneinteilung der technologischen Revolution von Mechanisierung, Elektrifizierung, Automatisierung und Digitalisierung markiert das Schalthaus den Übergang zur industriellen Energieerzeugung und damit zur Verbreitung von Industrie und Gewerbe abseits der Zentren mit ihrer Verfügbarkeit von Rohstoffen wie Kohle, Eisen, Stahl, Wasser und in Folge der Verkehrsinfrastruktur. Gleichzeitig nimmt das Schalthaus die Aufgabe eines Knotenpunkts in einem Netzwerk vorweg.

Weiten wir noch einmal den Blick wie von der Spitze eines Turmes aus: Die Veränderungen verlaufen selten linear, aber meist chaotisch. Was die aktuellen Veränderungen der Weltwirtschaft, auf jeden Fall ihrer Wahrnehmung, von den bekannten Schumpeterschen Zyklen unterscheidet, ist deren endzeitliche Anmutung: „Apocalyptic thinking is the strongest impulse in American capitalism today“, warnt der Economist-Kolumnist mit dem Pseudonym Schumpeter (sic!) Anfang Juni 2026 und ortet einen Konflikt von biblischem Ausmaß: „Debates about regulating business have taken an evangelical turn. Peter Thiel, a tech investor, says AI will summon the Antichrist in the form of authoritarian rules. ‚Merely regulating it is insufficient,‘ wrote Pope Leo XIV in a 40,000-word essay on AI last month. ‚It must be disarmed.‘  Das Ende ist nahe, warnt der sonst paradigmatisch nüchterne Economist-Kolumnist: An „economy which combines widespread distrust of business with a growing elite millenarianism is also a combustible one. Perhaps the danger is not 2008, 1999, 1973 or even 1873, but 1789.“

Solche Untergangsszenarien bergen die Kraft einer „self-fulfilling prophecy“, also einer Vorhersage, die ihre Erfüllung selbst bewirkt. Dieses Zerstörungspotenzial beschränkt sich nicht auf die Wirtschaft, sondern scheint auf alle Felder des gesellschaftlichen Zusammenlebens überzugreifen. Totalitäre Parteien machen sich die dadurch ausgelösten Ängste zu Nutze und propagieren vermeintlich einfache Lösungen für komplexe Zusammenhänge. In Teilen der Bevölkerung stoßen diese Parolen auf eine zustimmende Resonanz, vor allem wenn reale ökonomische Herausforderungen durch die prinzipielle Furcht vor Veränderungen in medialen Echokammern verstärkt werden.

Deswegen ist es besonders bemerkenswert, dass sich Grundströmungen positiv beeinflussen lassen. Während 2022 (also zu Zeiten der Corona-Pandemie) laut dem Wissenschaftsbarometer der Österreichischen Akademie der Wissenschaften noch 30 Prozent der österreichischen Bevölkerung angaben, der Wissenschaft stark oder sehr stark zu misstrauen, waren es 2025 nur noch 26 Prozent. Positive Veränderungen lassen sich durch nachhaltige und glaubwürdige Aufklärung herbeiführen, wenn auch nicht in der Dramatik und schnellen Sichtbarkeit eingängiger Parolen, die für den Gebrauch in den sogenannten sozialen Medien zugeschnitten sind. Dies gilt auch auf der lokalen Ebene, wo die absichtlich herbeigeführte oder verstärkte Skepsis gegenüber herkömmlichen Entscheidungsprozessen die Erosion des gesellschaftlichen Zusammenlebens bewusst beschleunigt.

Die oben beschriebene Strategie der Zerstörung von Kommunikation lässt sich mit der demokratisch-diskursiven Neuaufladung herkömmlicher Strukturen begegnen. Die Schalthäuser mit ihrem technologisch-innovativen Ursprung können als Ausgangspunkte für solche Überlegungen genutzt werden. Die zentrale Erkenntnis lautet: Wir müssen uns den technologisch bedingten Veränderungen nicht fügen, sondern können überlegen, wie sich diese Anlagen und Symbole neu verwenden und deuten lassen.

Ein paar Beispiele: Die Schalthäuser ließen sich als konsumfreie Treffpunkte in Ortschaften nutzen, wo die gastronomische und somit soziale Infrastruktur bereits eingeebnet wurde; als kleine Wohnungen für Menschen, die keinen Bedarf an großen Höfen mehr haben. Oder für ihre PflegerInnnen. Als Informationsplattformen, digitale Ladestationen, analoge Buchregale, gschmackige Regionalregale oder praktische Fahrradwerkstätten. Und als Treffpunkte für Energiegemeinschaften, die neue Formen der Stromgewinnung gemeinschaftlich diskutieren, organisieren – und davon profitieren.

Ebenso wichtig wie die Neunutzung ist der Weg dorthin durch das gemeinsame Gespräch, die Erörterung, die Bewertung von Vorschlägen, der Austausch. Oder anders: Die Wiedererlangung gesellschaftlicher Fähigkeiten wie Dialog und gemeinschaftliche Entscheidungsfindung.

So möchte ich euch jetzt dazu einladen, im Rahmen des heutigen Begehungsfestes eure Vorstellungen und Ideen eines wertvollen Raums des Austauschs zu diskutieren und auf den Karten und der Flipchart festzuhalten. Eure gesammelten Notizen dienen mir als Ergänzung dieses gesprochenen Textes und bilden die Grundlage für das „Netzwerk Schalthaus“. Mehr dazu findet ihr im Lauf der kommenden Wochen auf meiner Homepage. Vielen Dank!

(Erweiterte Fassung vom 5.6.2026)

[1] N.N., „Transformation der Stromverteilernetze. Bericht des Rechnungshofes“, Mai 2026, S. 73; https://www.rechnungshof.gv.at/rh/home/home/Bund_2026_18_Stromverteilernetze.pdf, besucht am 5.6.2026

[2] „Die Verteilernetze waren traditionell nicht auf die dezentrale, volatile Stromeinspeisung vieler Klein-Anlagen ausgelegt, sondern nur unidirektional, d.h. auf Einspeisung aus zentralen, größeren Kraftwerken. Um den sicheren Netzbetrieb mit ausreichen den Kapazitäten für die gesteigerte Entnahme und Einspeisung zu gewährleisten, müssen die Netze an die geänderte, bidirektionale, Flussrichtung angepasst werden.“ In: ibid, S.8

[3] Ibid, S. 74

[4] Auskunft von Max Neuhold, EVN Archiv, an den Autor, 26.5.2026

 

 

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