22|07|30: Der Wortklauber

Andreas Deppe (geb. 2.4.1964 in Bochum) ist in der Nacht von 23. auf 24. Juli 2022 ebenso überraschend wie friedlich verstorben. Ich kannte Andreas seit einigen Jahren persönlich als Drosendorfer und zuvor als Lektor meines Buchs über das Südburgenland, das 2008 im Brandstätter Verlag erschien. Andreas war die letzten zwei Jahrzehnte als Lektor eine tragende Säule des Verlags, das Programm nachhaltig prägend und formend. Am 28. Juli fand die Einäscherung statt, am 29. Juli die Abschiedsfeier für seine Freundinnen und Freunde im Terassenbad Drosendorf. Seine Frau Cordula Bösze erzählte bei dieser Gelegenheit sehr berührend über sein Leben und ihr Leben mit ihm. Ich habe danach über Andreas als Lektor gesprochen. (Foto: F. Krestan)

Der Wortklauber

Zum Tod von Andreas Deppe

Andreas war von Beruf Lektor. Das bedeutet auf Deutsch einfach: Leser. Das klingt nicht nach viel. Im Verlagswesen wird diesem Beruf die Aufmerksamkeit meistens versagt. Oft fehlt der Hinweis auf das Lektorat im Impressum. 

Tatsächlich ist der Lektor die unverzichtbare Ergänzung zum Autor. Das Ying zum Yang. Oder der Katalysator, der den Prozeß auslöst, durch den ein Stoff zu einem anderen wird. Das Entscheidende dabei zitiere ich aus einem Lehrbuch: „Ein Katalysator ist ein Stoff, der eine chemische Reaktion einleiten kann ohne dabei selbst verbraucht zu werden.“[1]

Dafür, wie wichtig also ein Lektor ist, gibt es erstaunlich wenig Literatur über das Lektorieren. 

Wenn, dann bilden diese Texte Auseinandersetzungen im Literaturbetrieb ab, etwa wenn sich der Chef von Klett-Cotta mit dem Chef des Hamburger Literaturhauses über den vermeintlichen Qualitätsverfall des Lektorats streitet: Der Lektor sei „Ideengeber und Geburtshelfer, Pate und Beschützer des Werks. Er korrigiert, berät, ermutigt, ermahnt, tröstet, kürzt, schreibt das Ende, holt das Bier und passt auf die Kinder auf (alles schon passiert).“[2]

Die Ursache für den Mangel an ernsthaften Texten über das Lektorat ist wohl, dass diese Texte von Autoren verfasst werden müssten, die damit die Unvollständigkeit ihres Werks offenlegen würden, was dann wiederum ein Lektor als erster Leser vervollständigen müsste. Die Autoren würden damit auf eine Instanz außerhalb ihres eigenen Schaffens verweisen, was sich nicht mit ihrer Eigenwahrnehmung vereinbaren ließe. Das Ergebnis ist ein Zirkelschluß der Eitelkeit. Der Einwand, dass ja ein Lektor als Autor über das Lektorat schreiben könnte, gilt nicht, weil ja der Lektor in dem Moment des Schreibens zum Autor wird, der wiederum einen Lektor zur Vervollständigung des Textes benötigt, und so weiter und so fort.

Das „Und so weiter und so fort“, ist übrigens ein Zitat aus dem Werk von Péter Esterházy. Einer der wenigen Autoren, den Andreas vorbehaltlos schätzte, auch wenn er erschöpft feststellte, dass er dessen üppig-selbstbezüglichen Texte nicht mehr lesen könne, seine Frau Cordula sich hingegen in Werke wie Esterházys Jahrhunderte-sprengende Familiensaga „Harmonia Caelestis“ problemlos eingrabe, wofür er sie sehr bewunderte. 

Ich schweife ab. Erst die Wahrnehmung des Lektors als erstem Leser lässt das Werk in seiner Wirkung entstehen. Oft genug sollte der Lektor auch der letzte Leser sein, wenn sich ein Text als unbrauchbar herausstellt. Ebenso oft hat Andreas auch diese Texte bearbeitet und damit lesbar gemacht. Nicht so sehr aus Überzeugung, sondern vielleicht eher aus Pflichtgefühl, weil er wusste, dass von dem Text zum Beispiel ein Herbstprogramm eines Verlags abhing. Oder auch ein Ego eines Autors. 

Ich behaupte, es würde Andreas gefallen, wenn ich hier ein wenig schlaumeiere. Der Lektor leitet sich von dem lateinischen legere für lesen ab, das sich auf einen ursprünglichen Begriff für sammeln zurückführen lässt. Unsere Wein-„Lese“ erinnert daran. So wie der Winzer die Trauben sammelt – zum Beispiel im Weinberg des Herren, um hier einen kleinen sakralen Bezug einzuflechten, der Andreas amüsiert hätte –,  liest der Leser die Buchstaben auf und formt daraus einen Text. 

In Ostösterreich wird für „auflesen“ das Synonym „klauben“ verwendet. Ich behaupte, dass es die Wortklauber sind, die Texte beharrlich und belesen bearbeiten, die die guten von den schlechten Begriffen trennen, die treffenden von den oberflächlichen Paraphrasen, die zutreffenden von den schlampigen Gedanken unterschieden. Andreas Deppe war so ein Wortklauber.

Wir lernen also, dass ein Lektor oft sehr unterschätzt, aber besonders wichtig ist. Diese Unterschätzung, behaupte ich, gefiel Andreas, der ungern Aufhebens um seine Person machte. Diese Form der Zurückhaltung wird schnell als Desinteresse oder Snobismus interpretiert. Auf Andreas trifft das nicht zu: Andreas war der ideale Lektor, weil er einfach an allem interessiert war. Nichts war ihm zu fern oder zu minder: Die Tagespresse genauso wie der Preis einer antiquarischen Erstausgabe auf ZVAB, die Tabelle der Top 100 der ATP und die Speisekarte im Gasthaus Failler. Alles, was die Welt hervorbrachte, verdiente es, von ihm erst einmal wahrgenommen zu werden.

Was relevant war, wurde abgespeichert, weil es beim Lektorat eines Textes irgendwann einmal von Bedeutung sein und von Andreas zur Verblüffung des Autors en passant angeführt werden könnte.  Oder aber auch bei der morgendlichen Ausrichtung aller Abwesenden auf der Terrasse des Mohnkaffeehauses mit Blick über den Hauptplatz von Drosendorf.

Was irrelevant war, wurde von Andreas mit Spott bedacht, der als Zynismus mißverstanden werden konnte, tatsächlich aber nur Ausdruck seiner Verzweiflung über die Welt- und Zeitläufte war. Wer will ihm die Verzweiflung verdenken?

Was also bleibt von diesem „Autor, der nicht schreibt“, um wenigstens eine angemessene Würdigung des Lektors – hier von Jürgen Habermas[3] – noch anzubringen? „Ein Katalysator ist ein Stoff, der eine chemische Reaktion einleiten kann ohne dabei selbst verbraucht zu werden“[4], hat es in dem Lehrbuch geheißen. Jetzt hat er sich doch verbraucht. Doch immerhin hat Andreas bis zuletzt das gemacht, was ihm, dem Wortklauber, das Liebste war: gelesen.  


[1] https://www.seilnacht.com/Lexikon/katalys.htm

[2] https://www.sueddeutsche.de/kultur/replik-auf-die-kritik-an-buchverlagen-der-lektor-schreibt-das-ende-und-holt-das-bier-1.3016528

[3] https://www.derstandard.at/story/425384/die-letzten-leser-lektoren

[4] https://www.seilnacht.com/Lexikon/katalys.htm

2 Gedanken zu „22|07|30: Der Wortklauber

  1. johanna von der deken

    danke für diesen schönen text über den mir unbekannten bruder eine lieben freundes, den ich nun ein bisschen kennen lernen durfte! johanna von der deken

  2. Batya Horn, Edition Splitter

    Renald Deppe hat immer von seinem Bruder Andreas geschwärmt. Hätte ihn so gerne einmal kennengelernt. Schade, daß es dazu nicht gekommen ist.
    Mein aufrichtiges Beileid seiner Gattin und der Familie, Batya Horn

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