Sachbuch-Kolumne März 2012

Das Schicksal der weißen Pferde:  Eine Natur- und Kulturgeschichte der Lipizzaner

Es muß wohl ein Nicht-Österreicher sein, der sich der legendären Lipizzaner jenseits vom Klischee annimmt. Hierzulande entweder pathetisch verklärt oder als touristisches Markenzeichen verkannt, repräsentieren die legendären Rößer auf faszinierende Weise das Verhältnis  zwischen Mensch und (Zucht-)Tier.  Der Niederländer Frank Westermann hat mit seinem neuen Buch eine wirklich überzeugende Geschichte geschrieben – im doppelten Sinn. Denn das Schicksal der weißen Pferde verlangt geradzu nach einer literarischen Annäherung. Gleichzeitig läßt sich anhand der Tiere und ihrer Haltung die Historie Mitteleuropas des letzten halben Jahrtausends erzählen. Westermann fokussiert sich völlig zu Recht auf das 20. Jahrhundert und fördert so jede Menge verschütteter Fakten und Zusammenhänge zu Tage. Im Zentrum des Textes steht die Auseinandersetzung mit dem Streben des Menschen nach Reinheit und Perfektion – mit allen grauenhaften Konsequenzen, wie die letzten 100 Jahre belegen.  Ordentlich ausgestattet mit Karten und genealogischer Stammtafel überzeugt das Buch in jeder Beziehung.

„Das Schicksal der weißen Pferde“ von F. Westermann, übersetzt von G. Busse und G. Seferens, C.H.Beck, 287 S., Euro 20,50

Atlas der Vögel: Weltweite Vogelperspektive

Etwas irreführend ist der Titel zwar – „Atlas“ beschreibt üblicherweise eine Erschließung des Themas durch Kartographie. In diesem Buch sind die Landkarten zwar vorhanden, tatsächlich aber handelt es sich um eine Enzyklopädie im handlichen Doppelseitenformat. Empfehlenswert ist der Band trotzdem, verbindet er doch ornithologische Sachkenntnis mit kulturhistorischen, ökologischen und ökonomischen Aspekten. Welche Länder beherbergen den größten Artenreichtum? Wie haben es die rund 10.000 Arten geschafft, fast jede ökologische Nische zu besiedeln? Oder: Welchen Aufschluß über die Zusammensetzung der Nahrung geben die verschiedenen Schnabelformen? Übersichtlich gegliedert, grafisch sauber gestaltet, üppig mit Grafiken und Fotos ausgestattet, gut geschrieben (und ebenso übersetzt) bietet dieser Band eine umfassende Übersicht, die Einsteiger ob ihrer Vielfalt begeistert und Kenner mit Details fasziniert.

„Atlas der Vögel“ von Mike Unwin, übersetzt von Coralie Wink, Haupt Verlag, 144 Seiten, Euro 25,60

Jerusalem: Die Biographie

Es gehört schon sehr viel Mut dazu, eine Biographie der Stadt der Städte vorzulegen. 3000 Jahre meist heiß umfehdete Geschichte, drei theoretisch friedliche Weltreligionen mit allemal rabiater Praxis sowie jede Menge weltlicher Herrscher bürgen für einen konfliktreichen Stoff. Montefiore bewältigt die Aufgabe mit Bravour und zeichnet ein faszinierendes Porträt dieser im Grunde unmöglichen Stadt.

„Jerusalem“ von Simon Sebag Montefiore, übersetzt von Ulrike Bischof und Waltraud Götting, Fischer Verlag, 872 S., Euro 28,80

Bloodlands: Europa zwischen Hitler und Stalin

Mit Bloodlands beschreibt Historiker Snyder die Region zwischen Zentralpolen und Westrussland, inklusive dem Baltikum und der Ukraine: Schauplatz enormer Massenmorde im 2. Weltkrieg, die nach 1945 vergessen und verdrängt wurden. Mit seinem Buch ruft der auch am Wiener „Institut für die Wissenschaften vom Menschen“ tätige Historiker Taten und Region nachhaltig und verdienstvoll in Erinnerung.

„Bloodlands“ von Timothy Snyder, übersetzt von Martin Richter, C.H.Beck, 522 Seiten, Euro 30,80

Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit

Der Evolutionsbiologe Steven Pinker stellt mit diesem Opus Magnum die Frage, ob die Chronik der Menschheit von einer permanenten Zunahme der Gewalt gekennzeichnet sei. Seine überraschende Antwort ist unter Historikern durchaus umstritten – aber lesenswert verfasst.

„Gewalt“ von Steven Pinker, übersetzt von Sebastian Vogel, Fischer, 1212 Seiten, Euro 26,80

 

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