13|04|14: „Eine neue Heimat und ein neues Glück“ (2009)

2009 erschien in Skills der folgende Text über Österreichs Pfadfinder in der NS-Zeit. Das Magazin wird vom Dachverband der Pfadfinder und Pfadfinderinnen Österreichs (PPÖ) herausgegeben und vom Metropol Verlag produziert. Was mich Chefredakteur Thomas Weber zufolge als Autor qualifizierte, war meine Vergangenheit von 1974 bis 1977 als Späher bei der Gruppe 41 „Prinz Eugen“ in Wien.

Österreichs Pfadfinderei in der NS-Zeit: Die Neuauflage einer Studie eröffnet Zugänge zu bislang unbekannten Aspekten der Zeit nach dem Verbot durch die Nazis und im Exil.

Skills_Logo„Es ist aus. Unser Heim zerstört, unsere Arbeit vernichtet! Was nun?? 17. März 1938.“ Der letzte Logbucheintrag der Gruppe M7 fasst auf dramatische Weise zusammen, was den österreichischen Pfadfinderinnen und Pfadfindern im März 1938 und in den Jahren danach zustieß.[1] Wie die 10 bis 15 Mädchen zählende Gruppe in ihrem Heim in der Markgraf-Rüdiger-Straße in Wien 15 erleben die Mitglieder der Pfadfinderbewegung in den Tagen nach dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich wie Nazi-Trupps die Heime verwüsten, die Gruppen aufgelöst, Material und Kassen beschlagnahmt sowie führenden Pfadfinder verhaftet werden.

Schon in der Nacht vom 12. zum 13. März 1938 perlustriert die Gestapo Adolf Klärer, einen der führenden Männer des Österreichischen Pfadfinderkorps St. Georg (ÖPK); in der selben Nacht – also noch vor Hitlers Rede am Heldenplatz – wird die Bundeskanzlei des Österreichischen Pfadfinderbunds (ÖPB) verwüstet. Gezielt wird Jagd auf jüdische Mitglieder gemacht, 300 Pfadfinderführer emigrieren im Lauf des Jahres. Die pfadfinderische Arbeit kommt praktisch völlig zum Erliegen; nur unter dem Deckmantel anderer Organisationen (zum Beispiel des Roten Kreuzes) können konspirative Kontakte gepflegt werden. Vier österreichische Pfadfinderführer werden im KZ Buchenwald ermordet, der Wiener Pfadfinder Rudi Chvatal im Dezember 1944 wegen Hochverrats im Landesgericht hingerichtet. Der Wiederaufbau beginnt bereits im Mai 1945. 1946 gründen Überlebende der Vorkriegsverbände ÖPB und ÖPK den interkonfessionellen Verband der „Pfadfinder Österreichs“.

Viele dieser Fakten wurden vor fast 20 Jahren von Ewald Merzl zusammengefasst und im 1988 veröffentlicht. Die Publikation „Pfadfinder 1938. Mitgelaufen? Angepasst? Verfolgt?“ beschriebt die Geschichte der Pfadfinderbewegung aus der Innensicht, basierend auf den Aussagen der Zeitzeugen und (den wenigen) schriftlichen Dokumenten, die Auskunft über jene Phase geben konnten. Bald 20 Jahre später stellt sich die Frage, inwiefern diese Broschüre Bestand hat. Immerhin: Die Pfadfinder gehörten zu den ersten Gruppen, die sich ihrer eigenen Vergangenheit stellten – die Großparteien, aber auch der ÖGB und Großunternehmen wie die VOEST und die P.S.K. konnten sich erst nach dem Jahr 2000 zu einer Aufarbeitung der NS-Zeit und der Jahre danach durchringen. So prinzipiell verdienstvoll also die Publikation im Gedenkjahr 1988 war – Bundespräsident Waldheim und mit ihm die ganz Kriegsgeneration mussten sich dafür rechtfertigen, ihre Taten während der Nazi-Herrschaft und des Weltkriegs verschwiegen, verheimlicht oder verharmlost zu haben –, so klar ist auch, dass sich der wissenschaftliche Methodik in zwei Jahrzehnten Jahren weiterentwickelt hat. Archivmaterial wurde zugänglich, das Fach der Zeitgeschichte begann sich auch mit Themen jenseits der großen Politik auseinander zusetzen, nämlich eben des Alltags und der Jugendarbeit im 3. Reich.

Um die Arbeit von Ewald Merzl zu evaluieren, beauftragte das Präsidium des PPÖ 2006 die Historikerin Elisabeth Klamper mit einer Durchsicht der Publikation. PPÖ-Präsident Christian Letz schreibt im Vorwort: „Die Recherchen zeigten, dass die Inhalte dieser Schrift einer kritischen historischen Prüfung weitestgehend Stand halten“. Deswegen entschloss sich der PPÖ die Arbeit von Merzl anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums neu herauszugeben und der Studie die Evaluierung Klampers voranzustellen. Die Analyse der Archivarin im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) eröffnet keine prinzipiell neuen Perspektiven auf das Schicksal der heimischen Pfadfinderei in der NS-Zeit, rückt aber bislang kaum analysierte  Aspekte ins Zentrum der Aufmerksamkeit. So führt Klamper etwa an, dass im überkonfessionellen ÖPB „ein beachtlicher Anteil seiner Mitglieder und Führer Juden waren“. Klamper beruft sich dabei auf eine lange Reihe von Zeitzeugeninterviews, die sie im Rahmen ihrer Tätigkeit für das DÖW durchgeführt hat: „Und bei der Beschreibung der eigenen Jugend vor 1938 kommt bemerkenswert oft der Satz: ‚Ich war ein Pfaderer’.“ Klamperers Erklärung: „Wer einen bürgerlichen Hintergrund hatte und nicht Zionist war, der ist halt oft einer Gruppe des ÖPB beigetreten.“ Als das Regime des österreichischen Ständestaats 1936 nach Vorbild des faschistischen Italiens und des nationalsozialistischen Deutschlands eine staatliche Jugendorganisation gründete, trat der ÖPB zwar bei, der Landesfeldmeister für Wien, Karl Prochazka, weigerte sich jedoch den von der Regierung gewünschten „Arierparagraphen“ einzuführen.

Weiterer wesentlicher Grund für die Bekämpfung der Pfadfinderei durch die Nazis war zudem, dass die Pfadfinder als „internationalistische“ Bewegung mit definitiv britischen Wurzeln „nicht deutscher Eigenart entsprungen, sondern als angelsächsischer Import zu uns gekommen ist“, wie es im Dienstbuch der Österreichischen Hitlerbewegung schon 1932 hieß. Andererseits verweist Klamper auf Pfadfinder beziehungsweise Führer, die mit der „nationalsozialistischen Ideologie und Propaganda durchaus sympathisierten“.

Zusammengefasst erlaubt die Analyse Klampers bei dem derzeitigen Datenmaterial den Schluss, dass eine deutliche Mehrzahl der damals Aktiven, dem Nationalsozialismus kritisch bis feindlich gegenüber standen. Zwei der führenden Pfadfinder – der bereits oben erwähnte Karl Prochazka und Max Kellner – wurden unmittelbar am 14. März 1938 verhaftet und im Juni 1938 ins KZ Dachau transportiert, von wo sie – unter massiven Auflagen – erst zwei Jahre später entlassen wurden. Während dessen war mit dem Gesetz zur „Neuregelung des Vereinswesens in Österreich im Sinne der nationalsozialistischen Interessen und Ideologie“ vom 17. Mai 1938 die Pfadfinderbewegung de facto verboten worden.  Nur vereinzelt wurden Aktivitäten im privaten Rahmen, etwa auf Fahrten oder Lagern fortgesetzt. „Obgleich die österreichische Pfadfinderbewegung vor dem ‚Anschluss’ eine klare politische Frontstellung gegen den NS-Staat innehatte, kam es zu keinen organisierten, auf den Sturz des NS-Regimes zielenden politischen Aktivitäten, nicht zuletzt auch deswegen, weil ältere Pfadfinderführer die ihnen anvertrauten Kinder und Jugendlichen nicht gefährden wollten.“ (Klamper).

Im Exil wiederum bot die Mitgliedschaft bei den Pfadfindern offenbar ein Stück Heimat. In London wurde schon 1938 die Vereinigung „Österreichischer Pfadfinder in Großbritannien“ gegründet; bis 1946 aktiv gab die 48 Mitglieder starke Gruppe gemeinsam mit Pfadfindern im US-amerikanischen Exil sogar eine eigene Publikation mit dem Titel „Der neue Weg“ heraus. In der Ausgabe vom Juni 1940 bedankt sich Chief Scout BP für die lieben Grüße: „Ich bin tief gerührt und sehr erfreut gewesen, (…) weil wir froh sind, dass ihr alle sicher in England seid. Wir hoffen auf das Innigste, das ihr dort unter Euren britischen Pfadfinderbrüdern eine warme Aufnahme findet werdet und eine neue Heimat und ein neues Glück.“

Alles im Lot, also? Die österreichischen Pfadfinder als lobenswerte Beispiele für individuell integeres Verhalten im Totalitarismus? Vieles mag darauf hindeuten, für eine definitive Beurteilung, so Klamper, sei aber die Quellenlage einfach zu unzulänglich. Ursprünglich war vom Präsidium der PPÖ eine umfassende Untersuchung der Geschichte der Pfadfinderbewegung zwischen 1933 und 1945 angedacht gewesen, die aber wegen des sich abzeichnenden Umfangs des Forschungsauftrags unterbleiben musste. Klamper: „Die Erschließung der schriftlichen Quellen zur Geschichte der Pfadfinder in Österreich für die Zeitspanne von der Gründung bis 1945 ist äußerst lückenhaft.“ Nicht zuletzt, weil „1938 aus Angst vor dem nationalsozialistischen Repressionsapparat vorhandene schriftliche Unterlagen vernichtet“ wurden. Die Historikerin führt ein weiteres Problem an: „Die Gruppen waren autonom organisiert und mit jeweils eigenem Statut ausgestattet. Dementsprechend wurde für jede Gruppe bei der Vereinspolizei ein eigener Akt angelegt.“ Selbst wenn diese Akten vorhanden wären, müssten sie erst einmal im Staatsarchiv und den entsprechenden Landesarchiven ausgehoben werden.

Ebenfalls unbeantwortet müssen Fragen bleiben, wie sich die Pfadfinder nach Kriegsende neu konstituieren konnten. Wie intensiv war die Unterstützung durch die beziehungsweise welche alliierten Mächte? Fungierten die Pfadfinder ähnlich wie parteinahe Organisationen wie dem Bund Sozialistischer Akademiker als Rückzugsterrain oder als Karriereleiter für Ex-Nazis? Fragen, so Klamper, die sich für Studentinnen und Studenten auf der Suche nach Themen für die Diplomarbeit lohnen würden. Oral-History-Projekte der Pfadfinderinnen und Pfadfinder selber könnten die Aussagen der Zeitzeugen sichern. Bevor es zu spät ist.

Weiterführende Informationen bietet das liebevoll sortierte und organisierte Pfadfindermuseum in Wien-Fünfhaus


[1] Die Gruppe M7 war ursprünglich bei den so genannten „Blaukreuzpfadfinderinnen“ und schloss sich im Oktober 1937 dem ÖPB (Österreichischer Pfadfinderbund) an. Die Informationen stammen von Herrn Hans Strouhal, dem ich auf diesem Wege danke. Der Autor.