Das Editorial des Ballmagazins zum 11. Wiener Ball der Wissenschaften am 24.1.2026 im Wiener Rathaus. Das komplette Ballmagazin findet sich auf der Ball-Homepage
Wissenschaft und Politik halten Distanz zueinander, aus guten Gründen. Alleine die üblichen Zeitspannen unterscheiden sich maßgeblich. Der zunehmende Sofortismus des Politikbetriebs verträgt sich nicht mit der zumindest angestrebten Langfristigkeit der Forschung. Die Corona- Pandemie hat gezeigt, wie problematisch eine zu große Nähe sein kann. Wo sich Politiker mit der Reputation der Wissenschaft legitimieren oder zumindest schmücken wollten, da erlagen auch manche Wissenschaftler den Verlockungen des Jahrmarkts der Eitelkeiten mit seiner schnellen Erreg- und Sichtbarkeit, den die Politik zu bieten hat.
Das Verhältnis muss also immer wieder neu verhandelt werden. Die ÖAW leistet mit ihrer Reihe „Akademie im Dialog – Forschung und Gesellschaft“ wesentliche Beiträge zu dieser Frage, der FORWIT lotet mit seinen Empfehlungen und dem FTI-Monitor dieses Verhältnis immer wieder aus. Der Grat zwischen Engagement in gesellschaftspolitischen Fragen – ob Klimawandel oder Migration – und Aktivismus kann schmal sein. Mit unserer Vienna Lecture on Science Communication – dieses Jahr mit Astrid Séville – wollen wir als Ballveranstalter einen Beitrag zur Klärung der Beziehung zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit leisten.
Wer sich nun darüber wundert, dass dieses diskursiv zu bestimmende Verhältnis unter enormen Druck steht, lebt – wie es auf Englisch heißt – „unter einem Felsen“. Und der droht die Beziehung zu zermalmen. Denn die politisch mächtigsten Männer der Welt (und in dieser Eindeutigkeit ist das gar nicht aktivistisch, sondern empirisch gemeint) wollen das Primat der totalitären Politik nicht notfalls, sondern willentlich mit Gewalt durchsetzen, und zwar gegenüber allen anderen Bereichen des Zusammenlebens. Das mal besser und mal schlechter austarierte Verhältnis ist in Gefahr. Also wird sich die Wissenschaft zu dieser neuen Situation verhalten müssen. Ob sie nun will oder nicht.
Das Ballparkett ist nicht der Ort, um diesen Konflikt solide zu analysieren. Aber aus den Grundprinzipien des Balls lassen sich ein paar Merkmale ableiten, die in dem Konflikt hilfreich sein können:
- Exzellenz nach dem nachvollziehbaren Kriterium der Empirie, nicht nach der Wirksamkeit von Familien- oder anderer Banden.
- Diversität nicht als dekorativer Selbstzweck, sondern als Kenntnisnahme der vielfältigen Begabungen von Menschen und als erprobte Erweiterung des eigenen Blickwinkels.
- Internationalität als Ausdruck der faktenbasierten Erkenntnis, dass die Streuung von Fähigkeiten (eben auch in der Wissenschaft) sehr gut mit der Glocke der Gauß’schen Normalverteilung beschrieben werden kann – unabhängig von Hautfarbe und Herkunft.
Im Dezember 2025 berichtete der kanadische Astronaut Chris Hadfield in Wien über seine unglaublichen Missionen in der ISS. Wer noch nie seine Version von Bowies „Space Oddity“ gesehen hat, sollte das hurtig nachholen. Tatsächlich aber sprach er über die Notwendigkeit und die Möglichkeiten, wie man trotz des ganzen Irrsinns, der uns umfängt, zuversichtlich bleiben kann. Ein Perspektivenwechsel von der Erde hinauf ins All und wieder retour hilft dabei, ist aber nicht Voraussetzung. Sich alleine schon wie Major Tom in Hadfields Textfassung einen Moment lang zurückzunehmen und durchzuatmen, kann helfen. Ich ergänze: Und eine Besinnung auf die Grundprinzipien des Balls.
