Sachbuchkolumne September 2011

Universum Magazin, September  2011

Selbst ist der Mensch

Antonio Damasio über die Entstehung des Bewusstseins
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Kein Organ ist in den letzten 50 Jahren so intensiv erforscht worden wie das Gehirn. Das hängt grob gesagt mit zwei auf den ersten Blick widersprüchlichen Motiven zusammen: Neurologen und PsychiaterInnen können dank der ständig weiter entwickelten Diagnose- und Beobachtungsmethoden immer exaktere Einblicke in das agierende Gehirn nehmen. Aber letztlich dienen all diese extrem aufwendigen  Methoden der Beantwortung der einen, uralten Frage: Was ist der Geist, der den Menschen von der – zum Beispiel – Meeresschnecke unterscheidet, anhand der Eric Kandel den Lernprozess zum ersten Mal visualisiert hat? Antonio Damasio gelingt es in seinem neuen famosen Buch, diese beiden Motive zu vereinen, und zwar weil er einer der bedeutendsten Neurowissenschaftler der Gegenwart ist und gleichzeitig nachvollziehbar über sein Forschungsfeld schreiben kann. In seinem aktuellen Werk widmet er sich der zentralen Frage: Wie entsteht Bewusstsein? Mit seiner Antwort erklärt Damasio, wie der Mensch zum selbstbewussten Wesen wurde und dabei Fähigkeiten wie Sprache, Kreativität und Moral entwickelte.

„Selbst ist der Mensch“ von Antonio Damasio, Siedler Verlag, 368 Seiten, Euro 25,70

Scheißrentiere

Seltsame Abenteuer in Nordnorwegen 

Der Norden Norwegens – für Außenstehende irrtierenderweise Finnmark genannt – geizt bekanntermaßen mit aufdringlichen landschaftlichen Reizen mitteleuropäischern Zuschnitts. Genau der richtige Ort also, um ein Abenteuercamp mit dem Namen „Samenland“ zu eröffnen, in dem sich gestresste Zivilisationsopfer rundum erholen können  – so die Idee der beiden Postbeamten Leif und Roy aus Kirkenes, die in Wirklichkeit keine Ahnung von der Lebensweise der indigenen Samen haben. Das hält sie nicht davon ab, gegen gutes Geld das Joiken (so ähnlich wie Jodeln) von alten Gesängen, Rentierjagd mit dem Lasso und den Verzehr von Geisterbräu (gefärbter Wodka mit Wacholderbeeren) anzubieten. Doch dann nimmt das Schicksal seinen Lauf. Was folgt, beschreibt Roman-Autor Magne Hovden sehr amüsant: Das reine Chaos am Polarkreis.

„Scheißrentiere“ von Magne Hovden, Malik Verlag, 219 Seiten, Euro 17,50

Rauhe Sonnenseite: Eine Entdeckung

Der Heimatroman in deutscher Sprache hat eine schlechte Reputation. Dass diese Voreingenommenheit unberechtigt sein kann, beweist dieses Buch: Der Haymon Verlag hat verdienter Weise die Kindheitserinnerungen des katholischen Pfarrers Franz Josef Kofler neu aufgelegt, der  1894 bei Silian geboren wurde und bis zum Alter von zehn Jahren in der Osttiroler Bergwelt aufwuchs. Auffallend ist die nüchterne, fast karge Sprache, die ohne zeitgenössische Sentimentalität auskommt. Es entsteht ein dichtes Panorama einer von Natur und Traditionen geprägten Alltagskultur – heutzutage nur noch als Spurenelementen erkennbar, wenn sie nicht eh zur Folklore geronnen ist.

„Rauhe Sonnseite“ von Franz Josef Kofler, Haymon Verlag, 232 S., Euro 12,95

Mond: Die Geschichte einer Faszination

Ein schmucker Band, schön anzusehen, angenehm anzugreifen, gut zu lesen – seinem Thema also voll gerecht werdend. Im Zeitalter der Kosmologie in den Tiefen des Weltalls hat der Mond ein wenig von seiner populären Attraktion verloren. Bernd Brunner aber entdeckt den Mond als kulturhistorisches Sehnsuchtsprojekt.

Kunstmann Verlag, 320 Seiten, Euro 20,50

Europas Vogelwelt: Prächtiges Nachschlagwerk

Das ist definitiv kein handlicher Field Guide für die Pirsch in freier Wildbahn, sondern ein prächtig ausgestatteter Coffee Table-Band für den heimischen Birdwatcher. Was aber auch besser ist, weil Gelege von Bodenbrütern gefährdet wären, rutscht einem der Band aus der Hand.

DK Verlag, 488 Seiten, Euro 30,80

 



 

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