Sachbuch-Kolumne Oktober 2011

Universum Magazin, Oktober  2011

Auf Gedeih und Verderb

Die Erde und wir: Geschichte und Zukunft einer besonderen Beziehung

Der Australier Tim Flannery befasst sich beharrlich mit den Veränderungen des globalen Öko-Systems. In seinem jüngsten Buch widmet sich der Zoologe und Umweltschützer der Beziehung des Menschen zur Erde – und die sieht auf den ersten Blick desaströs aus: Hat der Mensch schon immer schon eine Schneise der Verwüstung hinterlassen, Ökosysteme durcheinandergebracht und ganze Spezies ausgelöscht? Oder ist das Verhältnis des Menschen zur Erde vielmehr ein Erfolgsmodell, weil Menschen eben nicht nur grausam im Kampf ums Überleben konkurrieren, sondern auch großartig kooperieren können? Aus dieser Überlegung heraus entwirft Flannery eine zwiespältige Utopie: Wenn unsere Zivilisation „dieses Jahrhundert überlebt, stehen ihre Zukunftsaussichten deutlich besser“. Die gar zu sentimentale Botschaft: Liebe den Planeten wie dich selbst.

„Auf Gedeih und Verderb“ von Tim Flannery, übersetzt von J. Neubauer, S. Fischer, 366 Seiten, Euro 23,60

Das kugelsichere Federkleid

Wie die Natur uns Technologie lehrt

Bionik – also die technische Umsetzung von biologischen Phänomenen – ist ein verlässlicher Quotenbringer: Ausgehend von der Erkenntnis, dass die natürliche Auslese seit Urzeiten mit den Prinzipien der Physik, Chemie, Materialkunde und Technik herumexperimentiert, betrachten Biomimetiker die ganze Natur als ihr Labor. Sie untersuchen die erfolgreichsten Entwicklungen und Strategien aus dem Tier- und Pflanzenreich und lassen sich von ihnen zu technischen Innovationen und neuen Konzepten anregen. Zu den Standardbeispielen gehören schmutzabweisenden Lotosblätter, die aufgebogenen Handschwingen eines Greifvogels und die betäubenden Sägezähnchen eines Stechmückenrüssels als Vorbilder für Spritzennadeln. Lob verdient dieser Band dafür, dass er es aber bei diesen Exempeln nicht bewenden lässt. Beispiele für kooperatives Verhalten wie die Strategien sozialer Inseketen weisen über die reine Mechanik hinaus. So kann etwa das Beschaffungsverhalten von Honigbienen zu Lösungsansätzen für Lastverteilungsprobleme bei Internetservern inspirieren – erstaunlich frische Erkenntnisse, anschaulich präsentiert.

„Das kugelsichere Federkleid“ von Robert Allen (Hrsg.), übersetzt von A. Kamphuis, Spektrum, 192 Seiten, Euro 30,80

Altösterreich: Die Monarchie in Wort und Bild

Es war ein Werk, dessen Maßlosigkeit dem Objekt der Beschreibung entsprach: Mit der 24-bändigen Enzyklopädie „Die österreichisch-ungarische Monarchie in Wort und Bild“ sollte das Kaiserreich systematisch in all seinen Aspekten vorgestellt werden. Als „Kronprinzenwerk“ zwischen 1886 bis 1902 veröffentlicht ist es bis heute eine ebenso aussagekräftige Dokumentation der Länder und Völker wie letztlich des Unvermögens, diesem Staatengebilde eine moderne Form zu geben. Hans Petschar eröffnet mit „Altösterreich“ einen Einblick in dieses Opus Magnum. Zwischen Folklore und Ethnologie angesiedelt ermöglicht der Band eine Erkundung des unendlich vielfältigen Gemeinwesens, das letztlich wegen der Unfähigkeit seiner Herrscher seine Legitimation verlor.

„Altösterreich“ von Hans Petschar, Brandstätter Verlag, 254 S., Euro 39,90

Gehirntraining: Über die Benutzung des Kopfes

Die Botschaft dieses Buches ist von betörrender Schlichtheit: Gezieltes Training verändert das Gehirn auch physisch, lebenslanges Lernen erhält und fördert die geistige Leistungsfähigkeit. Erklärt wird dies sowohl anhand kluger Essays wie pfiffiger Denksportübungen.

„Gehirntraining“ von Frank Schirrmacher (Hrsg.), Blessing, 144 Seiten, Euro 15,40

Geniale Erfindungen: Spannende Geistesblitze

Das ist kein leichtes Unterfangen, Kindern ab 10 Jahren (wie es im Beipacktext heißt) die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse der letzten 200 Jahre näher zu bringen. Dass das gelingt, ist den kenntnisreichen Texten und der sauberen Lesetechnik geschuldet. Fazit: Absolut empfehlenswert.

„Geniale Erfindungen“ von Manon Baukhage, audio media verlag, 3 CDs, Euro 14,90

Ein Gedanke zu „Sachbuch-Kolumne Oktober 2011

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