Sachbuch Kolumne Oktober 2012

Eric Kandel – Das Gehirn als Kunstwerk

“Das Zeitalter der Erkenntnis: Die Erforschung des Unterbewussten in Kunst, Geist und Gehirn von der Wiener Moderne bis heute“ von Eric Kandel, übersetzt von Martina Wiese. Siedler Verlag, 704 Seiten, € 41,20 

London: Die Stadt an sich (Langfassung)

Es ist das Comeback des Sommers. Wieder mal hat es London mit den olympischen Spielen allen vermeintlichen Metropolen gezeigt: Der Nabel der Welt liegt an den Ufern der Themse, gespeist von der Energie, dem Esprit, der Ausdauer und der wahrhaften Multikulturalität seiner acht Millionen Menschen, die sich auch von einer zutiefst unfairen Klassengesellschaft und dem rabiaten Glauben an die Allmacht des Marktes nicht unterkriegen lassen. Beginnend mit den Festivitäten zum diamantenen Kronjubiläum von Elizabeth II. im Mai tauchte diese Ansammlung von urbanen Versuchsanlagen in einen Party-Sommer, der von Ferne betrachtet, als hedonistische Extravaganz auf Kreditkartenrechnung  anmuten mag.

Doch – und das zeigt der Prachtband des Taschen-Verlags – die Stadt hat es immer wieder verstanden, sich selber neu zu erfinden, und zwar in einer Entschlossen- und Rücksichtslosigkeit wie sonst auf diesem Kontinent in Ansätzen Berlin, in vergleichbarem Ausmaß nur Moskau es ihr gleichgetan hat.  1926, im Geburtsjahr von Elizabeth II., war London die Kapitale der Welt: Ein Viertel der globalen Fläche und der Bevölkerung war dem britischen König untertan. Die Postkartenansichten stammen aus der Zeit, als das Empire diesem Höhepunkt zustrebte: Das Parlament mit dem Big Ben aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, London Bridge, Trafalger Square, das British Museum, Picadilly Circus und die Oxford Street in den folgenden Jahrzehnten.

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Viele Historiker verblüfft an diesem Aufstieg zur Weltmacht die Absenz von zentraler Kontrolle. Scheinbar zufällig dehnte sich die rosa Farbe in den Schulatlanten aus von Ägypten bis ans Kap der guten Hoffnung, die Südküsten Asiens entlang, hinüber nach Australien und Neuseeland und hinauf in die arktischen Weiten Kanadas. Dazu kam das, was die Briten ihr „informal Empire“ nannten, eine Hegemonialzone, die ohne Kolonialbürokratie und Militär auskam, aber auf dem wirtschaftlichen Einfluss basierte und zum Beispiel in Südamerika ganze Volksökonomien prägte.

Doch das Empire basierte auf einer wechselweisen Einflussnahme, wie Edward Said schlüssig erklärte. Der US-amerikanische Literaturkritiker palästinensischer Herkunft beschreibt, wie viele Menschen sowohl im Empire wie in dessen Zentrum zu dem imperialen Diskurs beitrugen, der der Konstruktion von Wissen über Menschen und Orte diente, ohne dass sich die Beteiligten über diesen Akt immer und vollständig klar gewesen wären – mit der Folge, dass diese Wechselwirkung sich nicht nur auf die Eliten beschränkte (also jene, die die Prachtbauten errichten ließen), sondern auch über alle Klassenschranken hinweg auch die breite Masse betraf. Das Empire war dank der Produktion und dem Erwerb von Kolonialwaren sowie der zunehmenden Verbreitung von Massenmedien alltagstauglich geworden.

Diese Verknüpfung der ökonomischen Bedingungen vieler Individuen in Großbritannien mit einem kollektiv erlebten Gefühl nationaler Hochstimmung, so der in Wien verwurzelte Doyen der britischen Historiker, Eric Hobsbawm, sei ausschlaggebend gewesen für den gesellschaftlichen Diskurs (und sei er auch nur in Krawallschlagzeilen formuliert) über das Wesen des Empires. Das Empire wurde zum Synonym für die Nation und ihre Volkswirtschaft.

Der Fall nach dem 2. Weltkrieg hätte kaum drastischer sein können. In Europa möglicherweise nur mit dem Funktions- und Identitätsverlust Wiens nach 1918 vergleichbar, schmolz Großbritannien binnen zweier Jahrzehnte auf die Dimension eines notorisch quengelnden Mitglieds der EU zusammen, dessen Eliten sich im Unklaren sind, ob sie sich am Auf- und Ausbau Europas beteiligen oder einer imperialen Nostalgie in den Rockschößen der „special relationship“ mit der neuen Hegemonialmacht USA nachtrauern sollen. Doch dieser Niedergang lässt sich auch verständnisvoller beschreiben: Es war Großbritannien, das sein Empire bei den US-Amerikanern verpfändete, um den Kampf gegen Hitler-Deutschland zu führen.

Die Ankunft von 493 Jamaicanern auf der MV Empire Windrush 1948 lässt sich als Beginn eines neuen Kapitels der Geschichte Londons beschreiben.  Die Stadt wurde zur ethnisch vielfältigsten Metropole des Kontinents und bezieht gerade aus dieser Adaptionsfähigkeit das Potenzial nicht zuletzt in den Verwerfungen der Finanzkrise der letzten Jahre erneut zu bestehen – auch wenn die „Shard“ von Renzo Piano, das mit 310 Metern seit 2010 höchste Gebäude Europas, als Synonym für die Pflugscharen verstanden werden kann, mit denen das Sozialgefüge der Stadt erneut umgepflügt wird.

Der vermeintlich unbezwingbaren Logik dieser Verwerfungen hat Regisseur Danny Boyle mit seiner Eröffnung der olympischen Spiele 2012 ein Fest der Improvisation und Kreativität entgegen gestellt. Auf Hals abschnürenden Pathos folgte befreiende Blödelei, hartnäckiger Erfindungsreichtum wurde mit anarchischer Lebensfreude in Einklang gebracht. Oder anders: Die Welt wurde daran erinnert, was für ein Schatz London ist. Das Buch hilft dabei, sich dessen zu vergegenwärtigen.

„London. Porträt einer Stadt“ von Reuel Golden. Taschen Verlag, 552 Seiten, € 51,40

Überleben im Wolfsrudel: Die Geschichte einer Genesung

Die Geschichte ist natürlich ebenso schön wie traurig – und lockt deswegen zur emotional aufgeladenen Medienverwertung: Ehemalige Spitzensportlerin entdeckt ihre Liebe zu den Wölfen, wird mit einem aggressiven Gehirntumor diagnostiziert und überlebt trotz letaler Prognose.  Klar, dass ein derartiger Text eine Herausforderung für Autorin wie Leser darstellt. Doch trotz der bewegenden Umstände gelingt es Gudrun Pflüger kompetent und informativ über ihre Lieblingstiere zu erzählen und nachvollziehbar zu schildern, wie sie sich während ihrer Erkrankung und Genesung an dem sogenannten Wolfspirit aufgerichtet hat: an der Ausdauer, der Zielstrebigkeit, dem Lebenswillen der Tiere.

„Wolfspirit – Meine Geschichte von Wölfen und Wundern“ von Gudrun Pflüger. Patmos, 244 Seiten, € 20,60

Keimende Aussaat – Faszinierende Kultur- und Naturgeschichte

Damit hier erst gar keine Zweifel aufkommen: In Großbritannien wurde der Titel als „Wissenschaftsbuch des Jahres“ gelobt. Die Charakterisierung ist berechtigt. Dem Pflanzenphysiologen Peter Thompson ist zu danken, dass er eine mitreißende Kultur- und Naturgeschichte (und zwar in dieser Reihenfolge) der vielleicht meist unterschätzten Komponenten menschlicher Zivilisation geschrieben hat:  Pflanzensamen sind klein und unscheinbar, aber ungeheuer mächtig. Welche enorme Kraft ihnen innewohnt, wissen nicht nur Balkonbesitzer mit grünem Daumen, sondern die Leserschaft nach der Lektüre dieses Buchs, dessen englischer Originaltitel noch ein Stück pfiffiger ist: „Seeds, Sex and Civilisation“. Die Geschichte der Menschheit basiert auf ganz verblüffende Weise auf der Aussaat von diversen Gräsern und Kräutern. Der alles entscheidende Schritt vom Jäger zum Ackerbauern verändert binnen weniger Generationen den Entwicklungspfad des Homo sapiens auf unumkehrbare Weise. Und unser Umgang mit dem Saatgut – vor allem die Erhaltung der Vielfalt in letzter Sekunde – wird den Ausschlag geben, über den weiteren Verlauf des Pfades. Definitiv eine Empfehlung.

„Der Keim unserer Zivilisation. Vom ersten Ackerbau bis zur Gentechnik“ von Peter Thompson, übersetzt von Manfred Roth. Primus Verlag, 280 Seiten, € 25,60

Der große Türke – Eine Biographie als Ärgernis

Süleyman – den Namen kennen Wiener Volksschüler als den Initiator der ersten Türkenbelagerung von 1529. Dementsprechend übel ist der osmanische Sultan beleumundet. Der Niederländer Henk Boom hat es auf sich genommen, eine solide Biographie des „großen Türken“ zu schreiben. In Form einer Reportage folgt der Journalist den Spuren des Sohnes einer bosnischen Sklavin, dessen Feldzüge, Politik und Architektur das osmanische Reich nachhaltig prägten. Das Buch ist kompetent recherchiert und sauber geschrieben – und gerade deswegen ein enormes Ärgernis, weil man sich fragen muss, warum kein hiesiger Autor auf die Idee gekommen ist, sich endlich einmal so differenziert mit einer Österreich derart prägenden Gestalt zu befassen; zumal ein Gutteil der von Boom genutzten Quellen in Wien auffindbar sind.

„Der große Türke – Süleyman der Prächtige“ von Henk Boom, übersetzt von Birgit Erdmann und Bärbel Jänicke. Parthas Berlin, 334 Seiten, € 28,80

 

Herr Willemsen sucht das Glück – Assoziationsmäander des Schnelldenkers

Roger Willemsen ist nicht nur als Schnelldenker in Talkshows bekannt – sehr schön, wie er regelmäßig Grisse- und Stermann zeigt, wo das Studiomikrophon hängt; Willemsen hat sich in den letzten Jahren auch als Vielschreiber einen Namen gemacht. In „Momentum“ verzichtet Willemsen auf einen durchgängigen Erzählbogen, sondern folgt seinen Assoziationsmäandern. Er berichtet von großen und kleinen Momenten, die ebenso trivial wie erhellend sein können und sich erst (ein wenig Geduld des Lesers vorausgesetzt) nach einer Weile zu einem narrativen Geflecht  fügen. Möglicherweise geht es Willemsen darum, den kairos zu erhaschen, also jenen Augenblick, in dem sich dem griechischen Mythos zufolge das Glück offenbart. Willemsen würde an dieser Stelle wohl zudem sich kaum verhaspelnd anmerken, dass die anthropomorphe Allegorie des kairos üblicherweise mit einem Haarschopf dargestellt wird, den es bei der passenden Gelegenheit zu packen gilt, woher die entsprechende, auch im Deutschen (nicht aber im Englischen!) bekannte Redewendung stammt (Langsames fade out…)

Kurz: Man kann das Buch gut und gerne lesen. Man kann Willemsen aber auch genauso gut im Fernsehstudio oder auf Youtube bei der Verfertigung seiner Gedanken zuschauen.

„Momentum“ von Roger Willemsen. S. Fischer, 320 Seiten, € 22,70

 

 

 

 

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