Sachbuch-Kolumne November 2011

Universum Magazin, November  2011

Die Weltreise der Saida

Die Sehnsucht nach der Exotik in Zeiten der Donaumonarchie

Rudi Palla ist ein Spezialist für die Bergung und Aufbereitung verschütteter Kulturschätze. Diesmal sind es keine verschwundenen Berufe, die er uns in Erinnerung ruft, sondern der Entdeckergeist der Donaumonarchie – mangels historischer und geopolitischer Möglichkeiten frei von kolonialen Ambitionen.  Von 1884 bis 1886 segelte die Korvette „Saida“, das letzte vom Stapel gelaufene Segelschiff der k. k. Kriegsmarine, um die halbe Welt, einerseits, um künftige Marineoffiziere auszubilden, andererseits, um handelspolitische und konsularische Interessen zu verfolgen. Palla zeichnet anhand der bislang unveröffentlichten Tagebuchaufzeichnungen des Kommandanten Heinrich Fayenz den Alltag auf dem Schiff und bei den Landgängen nach. Die Fahrt ging von Europa nach Südamerika, Südafrika, Australien, Neuseeland, Ozeanien, Indonesien, Ceylon und durch den Suezkanal zurück: 284 Tage auf See und 204 Tage in Häfen, sorgfältig dokumentiert durch grandiose Fotografien, die der verdienstvolle Verleger Christian Brandstätter gesichert hat. Das Dokument einer Epoche, als sich Österreich noch für Regionen jenseits des Grießnockerlsuppentellerrandes interessierte.

„Saida“ von Rudi Palla, Christian Brandstätter Verlag, 128 Seiten, Euro 39,90

Wie viele Elefanten wiegt ein Blauwal?

Nützliche Antworten auf Fragen, die niemand stellt

Ganz einfach gesagt: Ein Buch für KlugscheißerInnen und solche, die es werden wollen. Dass der Mount Everest 8.848 Meter hoch ist, das weiß man. Aber wie lässt sich das vorstellen? Durch einen guten Vergleich. Also: Der Eiffelturm in Paris ist 324 Meter hoch, und sein Erbauer Gustave Eiffel maß 1,83 Meter. Würden also 177 Monsieur Eiffel übereinander stehen, wären sie so hoch wie der Turm. Und man bräuchte 28 Eiffeltürme übereinander, um auf den Gipfel des Everest schauen zu können. Oder: 25 Elefanten wiegen einen Blauwal auf. Ein Supertanker fasst 200 Olympiaschwimmbecken. Und 76 Posaunen erzeugen den Lärm eines Donnerschlags. Muß man das wissen? Nein? Macht es Spaß, das zu wissen? Definitiv! Gescheit geschrieben, hübsch illustriert und ohne Scheu vor Skurillitäten rückt dieser Band die Verhältnisse auf eingänge Weise zu recht.

„Wie viele Elefanten…“ von Marcus Weeks, übersetzt von Peter Wittmann, Spektrum, 128 Seiten, Euro 13,40

Schrecklich schönes Afrika: Eindrucksvolle Reportagen

Margit Maximilian zählt zu den besonders wichtigen JournalistInnen im ORF, weil sie unseren Blick über den Grießnockerlsuppentellerrand (siehe „Saida“) hinausweist. Mit ihren Berichten aus Afrika trägt sie wesentlich dazu bei, diesen so vielfältigen Kontinent in seiner Lebensfülle und Todesnähe angemessen zu vermitteln. Dieses Buch war also längst überfällig, und ist nicht nur wegen seines Inhalts so verdienstvoll: Maximilian hat nicht einfach TV-Texte ausgewalzt, sondern die Reportagen für dieses Buch eigens angefertigt. Das merkt man ihnen auch an. Und so erzählt sie bildstark und in kräftigen Farben vom Mut der Menschen und ihrem Willen, auch unter schwierigsten Umständen in Würde zu leben.

„Schrecklich schönes Afrika“ von Margit Maximilian, K&S, 190 S., Euro 22,-

Die ersten Amerikaner: Jenseits von Winnetou

Wie lebten die Indianer wirklich, wie begegneten sich die Stämme untereinander und was sind die Probleme eines Indianers heute? Thomas Jeier räumt mit einer Reihe von Klischees auf:  Indianer waren weder die »edlen Wilden« noch die ersten Umweltschützer. Zugleich verblüfft das Buch mit einer Fülle unbekannter Erkenntnisse, etwa wenn er über die Hochkultur der Anasazi schreibt oder die amerikanische Verfassung in einen Zusammenhang mit dem Irokesenbund stellt.

„Die ersten Amerikaner“ von Thomas Jeier, DVA, 348 Seiten, Euro 23,70

Gefiederte Architekten: Nestbau für Anfänger

Gut, das Buch mag wie eine Liebhaberei für OrnithologInnen wirken. Doch die Beschreibungen der Vogelnester sind wirklich faszinierend: Von einfachen Bodenmulden über filigrane Lauben zu komplizierten Kugelnestern.

„Gefiederte Architekten“ von Peter Goodfellow, Haupt, 160 Seiten, Euro 30,80

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