Sachbuch-Kolumne Mai 2011

Universum Magazin, Mai 2011

Ein wahrhafter Weggefährte

Tristan Gooley lehrt die Kunst des natürlichen Navigierens

Es ist eh gut übersetzt, das Buch. Aber bei der deutschen Titelwahl hat wohl die Gier den Verleger getrieben, auch noch die esoterische Leserschaft irgendwie zu bedienen. „Mit allen Sinnen unterwegs“ klingt nach einem verhuschten Selbsterfahrungsseminar. Dabei ist „The Natural Navigator“ – so der Originaltitel  – wahrhaft fest verwurzelt in naturwissenschaftlichen nachweisbaren Fertigkeiten, wie Autor Tristan Gooley gleich mal in der Einleitung klarstellt. „Natürliche Navigation ist die Kunst, sich mit Hilfe der Natur zu orientieren. Sie besteht hauptsächlich in der seltenen Fähigkeit, ohne Instrumente (…), nur anhand natürlicher Anhaltspunkte wie Sonne, Mond, Sterne, Land, Meer, Wetter, Pflanzen und Tiere seine Position und Richtung zu bestimmen – durch Beobachtung und die Schlußfolgerungen, die man daraus zieht.“ Der Autor macht das auf ebenso verständliche wie eindrucksvolle Weise. Gesegenet mit profundem Wissen und unaufdrunglich kluger Schreibe navigiert er den Leser durch das Himmelsgewölbe und entlang der Gezeitenzonen, lehrt ihn Vögel und Schneedrift zu beobachten, aber vor allem die entscheidende Frage des Reisens zu stellen: Nicht etwa nach dem „Wo“ und dem „Wohin“, sondern nach dem „Warum“. Das Reisebuch der Saison; trotz des idiotischen Untertitels.

„Der natürliche Kompass. Mit allen Sinnen unterwegs“ von Tristan Gooley. Aus dem Englischen von Gaby Wurster; Malik Verlag, 288 Seiten, Euro 18,50

Zarte Blüten und starke Triebe

Tania Schlie lustwandelt durch die Gärten und die Kunstgeschichte

Natürlich ist die Frage berechtigt, warum Bücher wie dieses Jahr für Jahr neu aufgelegt werden, ohne dass es dafür einen erkennbaren Grund gäbe (außer das lautstarke Gezetter bei der Vertreterkonferenz des Verlages nach gut verkäuflichen Titeln). Mit der selben Strenge könnte man aber auch den Sinn eines Spaziergangs im Garten, ja den Garten selbst in Frage stellen. Dieses Buch hat den Vorzug im Gegensatz zu vielen anderen, wahrhaft vorhersehbar saisonal motivierten Titeln, dass es ebenso aufmerksam im Detail wie ansehnlich in der Gesamtschau ist – zwei Qualitäten, die wir auch gelungenen Gärten zu Gute halten wollen. Dieser Spaziergang durch die Kulturgeschichte vom frühen 19. Jahrhundert aufwärts präsentiert Frauen in ihrem vermeintlichen Element: der gezügelten Natur des Gartens. Also: Ein Buch wie ein Blütenstrauß; zwar vergänglich, aber eine Zeitlang allemal hübsch anzusehen.

Frauen im Garten“ von Tania Schlie. Mit einem Vorwort von Eva Demski; Thiele Verlag, 160 Seiten, Euro 25.-


Gott und die Krokodile: Eine Reise durch den Kongo

Die Untaten, die den Völkern Zentralafrikas durch die Kolonialmächte Europas seit Mitte des 19. Jahrhunderts angetan wurden, haben ihre Entsprechung in dem Schund gefunden, den allermeistens europäische Autoren in diesem Zeitraum verfasst haben. Andrea Böhms Buch ist da eine ebenso rühmliche wie seltene Ausnahme. Die Reisen der Zeit-Redakteurin durch den Kongo lassen sich nur durch vermeintlich deplatzierte und widersprüchliche Adjektive beschreiben: berührend, informativ, respektvoll, grauenerregend, verzweifelt und  – ja, auch das – lustig. Eine ausdrückliche Empfehlung.

„Gott und die Krokodile“ von Andrea Böhm; Pantheon, 270 Seiten, Euro 15,50

Chatwins Guru und Ich: Meine Suche nach Patrick Leigh Fermor

Was für eine umfassend vergebene Chance: Patrick Leigh Fermor, geboren 1915 (!), gilt als Obi-Wan-Kenobi der englischen Reiseliteratur (wie etwa einst für Bruce Chatwin). Michael Obert erfährt in einer Sinnkrise davon, dass Fermor noch immer in Griechenland lebt. Sein Weg dahin ist von derart vielen Schlampereien, Ärgernissen und Zeugnissen von Selbstverliebtheit gesäumt, dass man am Ende wünscht, dem alten Mann bliebe die Begegnung mit dem Autor erspart.

„Chatwins Guru und ich“ von M. Obert, Malik Verlag, 286 Seiten, Euro 20,60

Trick Chemie: Schräge Experimente…

Ein wirklich kindgerechter Beitrag zum Jahr der Chemie: Mit dem entsprechenden Spieltrieb durchgeführt wird aus jedem chemischen Experiment eine veritable Sauerei. Sehr lehrreich.

„Trick Chemie“ von Griesbeck/Fliegner, ab 10 J., Boje, 112 Seiten, Euro 10,30

 

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