19|11|09: Mein Fall der Berliner Mauer (1989)

Hier meine 10 Pfennig zum Mauerfall: Im Herbst 1989 war ich Redakteur bei der Wiener Stadtzeitung Falter. Die Umwälzungen in Mittel- und Osteuropa seit 1987 hatten wir mit Interesse begleitet; so hatte ich gemeinsam mit Gregor Mayer die Budapest-Seiten im Falter-Programm entwickelt. Die ungarische Hauptstadt war damals in der Endphase des „realen Sozialistismus“ bisweilen radikaler und subkultureller gepolt als Wien. Für die Etablierung dieser Seiten handelte ich mir zwar Lob aber auch den Vorwurf ein, ein verkappter Monarchist zu sein…

Berlin kannte ich, weil ich seit 1987 als freier Mitarbeiter für die tageszeitung in Wien tätig und immer wieder zu Besuch in der Redaktion ursprünglich noch im Wedding gewesen war, nachsichtig und geduldig geschult und redigiert von Martina Kirfel und Arno Widmann. Was mich von den meisten meiner ZeitgenossInnen unterschied, war eine Erfahrung, die ich 1981 gemacht hatte: Als Teil einer Reisegruppe von TeilnehmerInnen des evangelischen Schulunterrichts war ich 10 Tage durch die DDR gefahren und hatte Städte kennen gelernt, die westlichen Reisegruppen sonst nicht so einfach zugängig waren: Dresden, Leipzig, Halle, Wittenberg, Ost-Berlin – und dazu Mitglieder der Freien Deutschen Jugend und von Gruppen im kirchlichen Halbuntergrund.

Der Fall der Mauer am 9. November 1989 traf mich und meine Kollegin Hanna Krause am Abend vor dem Fernseher in der Falter-Redaktion genauso unvorbereitet wie alle Regierungen, Geheimdienste, Menschen in West- und Osteuropa und die Regierung der DDR. Und auch wenn Hanna und mir als Menschen mit teilweise deutscher Herkunft das übliche patriotisch getränkte Geschwätz von Wiedervereinigung angemessen suspekt erschien, waren wir doch zu Tränen gerührt von den Szenen, die sich da abspielten. Am nächsten Morgen flog ich mit der DDR-Fluglinie Interflug nach Schönefeld und streifte drei Tage durch die beiden Teile Berlins. In der Falter-Ausgabe vom 17. November heißt es in den Nachrichten aus der Redaktion, dass „Lehmann es sich nicht nehmen ließ, die historischen Tage in Berlin zu verbringen“; eine subtile Umschreibung des Tatbestands, dass ich mich ohne Dienstreiseantrag und entsprechender Genehmigung nach Berlin aufgemacht hatte, was mir meine erste Androhung einer arbeitsrechtlich relevanten Abmahnung einbrachte – wobei hier die Erinnerungen der Beteiligten auseinander klaffen…

Die beiden Texte, die ich mitbrachte, sind hier dokumentiert: Natürlich finden sich da ein paar Unschärfen und Irrtümer, aber die beschriebene Stimmung stimmt. „Wir machen alles zum ersten Mal“ war ein bemerkenswert guter Titel. Bei der Gestaltung des von Christian Fischer fotografierten Covers durch (wenn ich mich nicht irre) Tex Rubinowitz, Christian Zillner und mich circa fünf Minuten vor Redaktionsschluss mussten dann doch noch ein paar eher pupertäre Witzchen die historische Bedeutsamkeit der Ereignisse relativieren: Mit Kaffeebohnen, einer Packung Camel, Bananen und einem Vibrator karikierten wir das Wappen der DDR.

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